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von Doris Lange Seit nunmehr neun Jahren kommt die internationale Industrie der Zerspanungswerkzeuge für die Metallbearbeitung im Drei-Jahres-Turnus zum Informationsaustausch zusammen. Gastgeber der diesjährigen World Cutting Tool Conference (WCTC) war der spanische Verband AMT, der mit hochkarätigen Referenten und spannenden Konferenzthemen die Erwartungen der weltweit angereisten Hersteller voll erfüllte. Wenn eine Branche international mit ähnlichen Anforderungen und Problemen konfrontiert ist, dann ist sie mehr als gut beraten, sich auch auf internationaler Ebene auszutauschen. In San Sebastian bot sich dazu reichlich Gelegenheit.
Schon im 19. Jahrhundert war die baskische Stadt San Sebastian die inoffizielle Sommerresidenz des Königshofs. Elegantes Flair zeichnet die Stadt heute noch aus. Im vielbesuchten Seebad ist nach wie vor der Hauch von Nostalgie zu spüren, der an „Belle Epoque“ erinnert. Das „Land der Kontraste“, wie das Baskenland auch genannt wird, hieße allerdings zu unrecht so, hätte es nicht noch ganz andere Seiten, beispielsweise die industrielle. Minen ebneten ursprünglich der Stahlindustrie den Weg und eine intensive Industrieentwicklung begann. Nach der Industrierevolution im 19. Jahrhundert konzentrierte man sich im Baskenland auf Stahl- und Schwerindustrie – heute werden 80 bis 90 Prozent aller Werkzeugmaschinen Spaniens hier im Norden gebaut, wo natürlich auch die Werkzeughersteller zuhause sind. Weil viele Entwicklungen, Einflüsse und Probleme der Zerspanungswerkzeugindustrie nicht nationaler oder regionaler Natur sind, sondern sich weltweit ähnlich darstellen, wurde 1998 die World Tool Cutting Conferenz ins Leben gerufen. Die jedes dritte Jahr stattfindende Veranstaltung ist eine Kooperation der Verbände USCTI (United States Cutting Tool Institute), JCTA (Japan Cutting Tool Association) und der ECTA (European Cutting Tool Association). Im europäischen Verband ECTA sind die nationalen Herstellerverbände aus Deutschland, UK, Niederlande, Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz und Israel zusammengeschlossen. Gastgeber der diesjährigen World Cutting Tool Conference war der spanische Verband Association of Spanish manufacturers of Accessories, component parts and tools for machine tools (AMT) als Mitglied der ECTA. Vom 16. bis zum 19. Mai lud der AMT nach San Sebastian ein. Thomas Nägelin, ECTA-Präsident und Director Sales & Marketing der Fraisa S.A., Schweiz, eröffnete die Konferenz mit Informationen zur Branche, zur aktuellen Lage und zu den Perspektiven. Für die weltweite Industrie der Zerspanungswerkzeughersteller war 2006 insgesamt ein gutes Jahr, und so wird für 2007 mit einem weiteren deutlichen Wachstum gerechnet. Der neueste Cutting Tool Servey (eine Veröffentlichung des Custom Research von Nelson Publishing Inc.) zeigt beispielsweise, dass 25 Prozent der Befragten in diesem Jahr mehr Geld für Werkzeuge ausgeben werden als 2006. In Deutschland, was Thomas Nägelin stellvertetend für Europa nannte, melden die Firmen für das erste Quartal 2007 einen Zuwachs bei den Auftrags-Eingängen von mehr als zehn Prozent. „Den Weltmarkt für Zerspanungswerkzeuge schätzen wir für 2007 auf rund 15 Millarden US $ oder 12 Milliarden Euro. Davon entfallen nach unseren Schätzungen etwa 40 Prozent auf Europa und jeweils 30 Prozent auf Amerika und Asien. Unsere Industrie beschäftigt weltweit rund 90.000 Mitarbeiter und unsere Branche ist überwiegend mittelständisch strukturiert. Es gibt nur relativ wenige Firmen, die deutlich mehr als 1.500 Mitarbeiter beschäftigen. Die durchschnittliche Firmengröße liegt nach unserer Schätzung bei etwa 150 Mitarbeitern. Wenn man zum Vergleich die Automobilindustrie heranzieht, ist der mittelständische Charakter unserer Branche augenfällig“, betont Thomas Nägelin. Einige Beispiele machen deutlich, an welch zentraler Stelle Zerspanungswerkzeuge in vielen Bereichen der Produktion stehen: Die Mikro- und Nanotechnologie ist ohne Zerspanungswerkzeuge mit entsprechend kleinen Abmessungen kaum denkbar. Leistungfähige und sparsame Motoren können nur mit hochgenauen Zerspanungswerkzeugen hergestellt werden. Für die Produktion sicherer Großraumjets somd hochspezialisierte Spezialwerkzeuge wichtig, die zur Bearbeitung ausgefallener Materialien in der Luftfahrtindustrie geeignet sind. Moderne Zerspanungswerkzeuge arbeiten ohne oder aber mit nur minimalen Mengen von Kühlschmierstoffen – sie sind umweltschonend und gleichzeitig kostensenkend. Multipurpose-Tools können für verschiedene Bearbeitungsgänge eingesetzt werden und vermeiden teuere und unproduktive Maschinenzeiten, weil weniger Werkzeugwechsel erforderlich sind. Nägelin weiter: „Neben der Bearbeitung neuer Materialien und der Schonung von Resourcen und Umwelt durch Minimalmengenschmierung oder Trockenbearbeitung ist es vor allen Dingen der Zwang zur Einsparung von Kosten, was uns kontinuierlich dazu veranlasst, neue Werkzeugkonzepte zu entwickeln. Wir sehen insbesondere in der effizienteren Verwendung teurer Rohstoffe ein Kostensenkungspotential für unsere Werkzeuge, ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen. So setzten sich beispielsweise immer mehr Werkzeuge durch, die nur an der Spitze beziehungsweise an der Schneide aus teueren Materialien bestehen und als Grundkörper mit preiswerteren Materialien auskommen. Natürlich spielen in diesem Zusammenhang auch höhere Umdrehungszahlen und größere Vorschubgeschwindigkeiten eine Rolle, was unseren Kunden durch kürzere Bearbeitungszeiten zu Gute kommt.“ Sorgen machen gegenwärtig allerdings die Rohstoffmärkte, genauer: Die Preisentwicklung und die Verfügbarkeit der Rohstoffe, die zur Herstellung der Werkzeuge benötigt werden. Ammoniumparawolframat (APT) ist heute auf dem Weltmarkt rund dreimal so teuer wie vor zwei Jahren, und auch die Preise für Schnellstahl sind drastisch gestiegen. 90 Prozent der Weltvorkommen der APT Grundstoffe liegen in China, das selbst einen riesigen Rohstoffhunger hat. Versorgungsengpässe wären fatal für die gesamte Industrie. Thomas Nägelin bleibt aber optimistisch: „Wenn man von unseren Sorgen bezüglich der Rohstoffe absieht, gehen wir jenseits konjunktureller Aufwärts- und Abwärtsbewegungen für unsere Branche auch in Zukunft von einer überdurchschnittlichen Entwicklung aus. Wir rechnen damit, dass die weltweite Nachfrage nach Zerspanungswerkzeugen stärker zunimmt als die Industrieproduktion als ganzes, weil die Anforderungen an Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Geschwindigkeit von Zerspanungswerkzeugen beständig ansteigen. Die aktuelle konjunkturelle Lage bezeichnen wir als gut. Ein Blick auf Deutschland als Indikator für die Entwicklung in Europa zeigt ein kräftiges Wachstum. „VDMA-Präzisionswerkzeuge“ als deutscher Mitgliedsverband der ECTA meldet für die ersten Monate des Jahres 2007 für den Bereich der Zerspanungswerkzeuge ein Orderplus von rund 15 Prozent.“ Auch Dr. Wolfgang Sengebusch, ECTA Geschäftsführer und VDMA Geschäftsführer, ging auf die gute wirtschaftliche Entwicklung in allen europäischen Ländern ein. Besorgt äußerte er sich allerdings ebenfalls über die internationale Preisentwicklung. Es werde immer schwieriger, Kunden zu überzeugen, die Preise zu bezahlen. Mit großem Interesse wurde das Konferenzthema „Aktuelle Entwicklung in der Luftfahrtindustrie“ verfolgt. Adrian Allen, über 20 Jahre in der Raumfahrtindustrie tätig, überzeugte dank seines Know-hows das führende Luftfahrtunternehmen Boeing und die Universität Sheffield davon, im Jahr 2004 das Advanced Manufacturing Research Centre (AMRC) in Sheffield zu gründen. Im AMRC kooperieren Industrie, Akademie und Regierung und erarbeiten wirtschaftliche und umweltfreundliche Lösungen. Mit seiner Präsentation „Technology – der größte Wettbewerber?“ ging Allen nicht nur auf neue Materialien und Anforderungen in der Luftfahrt ein, sondern auch auf die Bedrohung, die die Wissenschaft für Umformbetriebe darstellen kann. Immer wieder sprach Allen zudem die enorm hohen Rohmaterialkosten an. Abschließend riet Adrian Allen, sich nach Luftfahrtpartnern umzusehen. Auch Thomas Nägelin betonte die Bedeutsamkeit dieser Geschäftsverbindungen und empfahl, achtsam damit umzugehen. Mit Spannung erwartet wurde der Vortrag von Dr. José Luis Viviente, der von Oktober 2002 bis September 2006 der Europäischen Kommission als Experte für Nanowissenschaft und Nanotechnologie angehörte. Inzwischen ist er wieder im spanischen Technologiecenter Inasmet-Tecnalia tätig und außerdem Mitglied im Vorstand des European Centre of Nanostructured Polymers. Dr. Viviente referierte zum Thema „Nanotechnologie: eine Herausforderung für Zerspanwerkzeuge“. „Nanotechnologie“ wurde 1971 von Norio Taniguchi als eine Bezeichnung für „Ultra-Feinbearbeitung“ vorgestellt. Der Durchbruch gelang 1981 mit der Erfindung des Scanning Tunnelling Microscope (STM). Nanotechnologie verbessert mechanische und strukturelle, chemische, biologische oder auch optische Eigenschaften. Im Technologiecenter Inasmet-Tecnalia in San Sebastian laufen derzeit verschiedene RTD-(Research, Technological, Development)Projekte, die sich unter anderem mit innovativen PVD-nanobeschichteten Werkzeugen für die spanende Bearbeitung befassen. Nanotechnologie ist allerdings nicht nur eine Herausforderung für die Wissenschaft, sondern ebenso für den Markt, was im Klartext heißt, dass einmal mehr die Rohstoffpreise in die Schlagzeilen geraten. Dr. Viviente verweist zudem auf die Bedeutung der Partnerschaften zwischen Lieferanten und Endverbrauchern. Auch hier sind die Themen Kosten, Leistungen und Service eine große Herausforderung. Thomas Nägelin brachte das „herausfordernde“ Thema auf einen Nenner: „Nanotechnologie ist und wird die Zukunft sein“. Last but not least noch ein Blick auf den spanischen Werkzeugmarkt und in die Werkshallen der Firma Izar S.A.L.: Das nordspanische Unternehmen ist größter Hersteller und Vertreiber von Schneidwerkzeugen in der Region. So verlassen beispielsweise 18 Mio. Bohrer jährlich das Werk in Amorebieta-Etxano (Region Bizkaia), in der Nähe von Bilbao. Erklärtes Ziel von Izar ist, einer der führenden Werkzeughersteller in Europa hinsichtlich HSS- und HM-Spiralbohrer und Schaftfräser zu werden. Mit einem Neubau im benachbarten Boroa-Amorebieta könnten sich diese Pläne verwirklichen lassen. Auf 24.000 m2 entsteht derzeit eine der modernsten Werkzeugproduktionsstätten der Welt, die ab November 2007 komplett in Betrieb sein wird, wie Javier Crespo, General Sales Manager versichert. Carlos Pujana, Managing Director von Izar und AMT President, betont, dass das neue Werk auch wegen der hohen Rohmaterialkosten und der steigenden Anzahl der Wettbewerber enorm wichtig sei. Seit der Firmengründung im Jahre 1910 hat sich das Unternehmen auf Präzisionswerkzeuge für unterschiedlichste Industriezweige spezialisiert. Izar beschäftigt aktuell etwa 250 Mitarbeiter und exportiert in alle EU-Länder, nach USA und Kanada und in die meisten lateinamerikanischen Länder. Das Unternehmen ist zudem führend im spanischen Werkzeugmarkt und erzielte in 2006 mit einem Umsatz von über 21 Mio. Euro das beste Ergebnis in seiner Firmengeschichte. Natürlich ist Izar auf den wichtigsten europäischen und weltweiten Messen vertreten – und natürlich auch auf der EMO 2007 in Hannover.