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Rezepte gibt es viele, Ratgeber noch mehr. Man hat es in der Tat nicht leicht als Werkzeug- und Formenbauer. Da macht man einen exzellenten Job, kennt seine Kunden und Märkte so gut wie seine eigene Hosentasche, und nicht zuletzt kämpft man in einer Branche, die im Moment, gelinde gesagt, nicht gerade zu den rasantesten Wachstumsmärkten gehört. Wie gut, dass es jede Menge Ratgeber gibt, die einem sagen, was zu tun ist. Investieren, automatisieren, spezialisieren – sicherlich alles richtig, keine Frage. Aber sind das nicht alles Dinge, die zu den Selbstverständlichkeiten unternehmersichen Tuns gehören? Die wirklich breite Basis der Werkzeug- und Formenbauer hat dies schon immer getan, sonst wär sie längst aus dem Rennen.
Viele der selbsternannten, aber auch professionellen Ratgeber vergessen immer ein wenig, dass sie es mit Leuten zu tun haben, die etwas von ihrem Handwerk verstehen. „Wer nicht automatisiert, ist weg vom Fenster“ oder „Wer nicht am Klondike in China teilnimmt, hat langfrsitig keine Chance“ et cetera – Sie kennen die Statements der Auguren gut genug. Für meinen Geschmack gibt es schlichtweg ein Zuviel an Schwarz-Weiß-Malerei. Da werden die erfolgreichen Großen des Werkzeug- und Formenbaus als die ultimativen Richtigmacher präsentiert und andererseits die kleinen „Investitionsverweigerer“ als Negativbeispiel. Erstere werden weiter wachsen, letztere verschwinden – da haben die Besserwisser ohne Zweifel recht. Aber vergessen wir doch bitte nicht die Unternehmen, die sich zwischen beiden Extremen bewegen, also die meisten.
Es ist richtig, dass es gerade bei diesen Unternehmen enormen Nachholbedarf gibt, gerade zum Thema Automation oder Betriebsorganisation. Auf der anderen Seite, wissen das die Betroffenen aber sehr wohl selbst, und wenn hier noch nicht alles zum besten steht, dann nicht wegen mangelnder Einsicht, sondern in den meisten Fällen gibt es handfeste Gründe, die aus dem individuellen Alltag hervorgehen. Jede Investition ist mit einer Risikoabwägung verbunden, die nur aus der Sicht der ureigensten Unternehmensverhältnisse entschieden werden kann. Patentrezepte gibt es nicht – wenn alle das Gleiche tun würden, stünde die Branche wohl noch schlechter da.
Das Vertrauen auf das letztendlich richtige unternehmerische Handeln ist bei mir persönlich durch viele Besuche bei Werkzeug- und Formenbauern gewachsen. Trotz des Wissens um eine weitere, vielleicht schneller fortschreitende Konsolidierung der Branche, sehe ich nicht ganz so schwarz, wie viele Kollegen. Jeder Markt wächst letztlich mit dem Bedarf – und Tatsachen, wie eine zunehmende Individualisierung oder fortschreitende Variantenstrategien von Produkten erhöhen auch in Zukunft den Bedarf nach Formen und Werkzeugen. Schon aus diesem Grund mache ich mir um den Fortbestand der weltweit anspruchsvollsten Special-Tooler-Szene kaum Sorgen. Auch für bitterste Pillen, die geschluckt werden müssen, gilt: Sie können in den meisten Fällen verdaut werden.
Die Branche wird nicht verschwinden, sie wird sich aber wandeln. Und damit bin ich wieder am Anfang dieser Zeilen: Wer wüsste das besser, als die Werkzeug- und Formenbauer selbst! Längst haben sie mit individuellen, untermehnesbezogenen Maßnahmen diesen Wandel eingeläutet. Nur – man merkt es halt nicht immer, woran man im Übrigen den Unterschied zwischen Besserwissern und Bessermachern erkennen kann.
Franz J. Gruber