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Fixfertige Automatisierungslösungen, so beeindruckend sie auch sein mögen, werfen bei vielen potenziellen Anwendern die Frage auf, inwieweit die Konzepte auf die eigene Fertigung übertragbar sind. Automation bedeutet eben mehr als nur die technische Aufrüstung von Werkzeugmaschinen mit Handlingeinheiten. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob ein Massenfertiger oder ob ein Werkzeug- und Formenbauer zusätzliche Wirtschaftlichkeitspotenziale per Automatisierung generieren will. Die individuellen Bedürfnisse des Kunden bestimmen Umfang und Art der Automation, Allround-Lösungen gibt es nicht. Oder vielleicht doch? Die Röders GmbH aus Soltau hat jedenfalls keine Angst vor Individuallösungen – ausgereifte Basiskonzepte machen diese Art von „Maßschneiderei“ möglich. Die Botschaft aus Soltau: Von der Einfachautomation per Mehrfachaufspannung bis hin zur Highend-Automatisierung mit Knickarmrobotern ist (nahezu) alles machbar.
Sicherlich, dem Inhaber und Geschäftsführer Dipl.-Ing. Jürgen Röders wäre es als Unternehmer vielleicht auch lieber, er könnte sich auf die Entwicklung und Produktion der HSC-Fräsmaschinen konzentrieren: das Geschäft mit Standards ist nicht nur in Sachen Produktion leichter plan- und steuerbar. Andererseits sieht man es den Maschinen aus Soltau aber von jeher an, dass die Ingenieure, allen voran der Firmenchef, die technische Herausforderung suchen. Und die Herausforderung heißt derzeit Automation. Jürgen Röders: „Sicherlich sind solche Aufträge von der Abwicklung her sehr viel aufwändiger, schon wegen der relativ langen Entwicklungs- bzw. Projektierungsphasen. Wir sehen aber, Automation ist das, was der Markt gegenwärtig will, und wir müssen uns am Markt orientieren.“
Vor allem aus dem europäischen Raum kommen in jüngster Zeit vermehrt Anfragen in Sachen Automation. Gut 30 Prozent der Röders-Maschinen, die innerhalb Europas ausgeliefert werden, sind mittlerweile in unterschiedlichsten Ausführungen automatisiert, während in den USA und in Fernost Automation (noch) weniger gefragt scheint. Apropos Fernost: In diesem Jahr wird die Röders GmbH von den Stückzahlen her in China mehr Maschinen verkaufen, als hier zu Lande. Ein Erfolg, der die branchenüblichen Inlandsrückgänge mehr als wettgemacht hat.
Im Wesentlichen sind es drei Kategorien, in welche sich die unterschiedlichsten Ausbaustufen einer individuellen Soltauer Automations-lösung einordnen lassen. Das beginnt bei der Einfach-Automation über die schlichte Mehrfachaufspannung und reicht über die integrierte Palettenhandhabung der P-Baureihe bis hin zum schier unbegrenzt ausbaubaren Knickarmroboter-Konzept. Jürgen Röders: „Der Kunde ist absolut frei und kann nach seinen Bedürfnissen individuell konfigurieren. Die höchste Ausbaustufe mit Robotern ist sicherlich die höhere Investition, ermöglicht aber die größte Varianz an Möglichkeiten.“ Eine der Möglichkeiten, die von der Röders GmbH im Übrigen schon realisiert wurde, ist beispielsweise, zwei Maschinen mit einem Roboter zu bedienen. Schließ-lich steht der Roboter die meiste Zeit und hat schon von daher genügend Kapazität für einen solchen „Zweit-Job“.
Bevor wir uns die beiden Automationskonzepte mit Roboter bzw. integrierter Palettenhandhabung etwas näher ansehen, lohnt ein Blick auf die Werkzeugmaschinen selbst. Grundvoraussetzung jeglicher erfolg-reicher Automatisierung ist die Automationsfähigkeit der Maschine, schließlich geht die Prozesssicherheit in erster Linie von hier aus. Wie gut, dass Röders-Maschinen von Haus aus alle Voraussetzungen hierfür bieten, die noch dazu durch zusätzliche Features getoppt werden.
Spindellängungskorrektur über hochgenaue Sensoren und Temperaturstabilisierung (Kühlung der Motoren, Festlager und Spindelböcke) ge-hören zu den Standards der Röders-Maschinen, ebenso wie eine mögliche Fernüberwachung via Netzwerk oder Telefon.
Der Einsatz der eigenen Steuerung erleichtert dabei vieles. So gibt es ein komplettes Jobmanagement auf der Röders Maschinensteuerung RSM6. Es verwaltet, je nach Anforderung automatisch oder manuell, Job-Parameter, Werkstückparameter und verfügt über eine interaktive Prioritätsliste zur Abarbeitung der Jobs. Über eine einfache Verwaltung der Palettenkoordinaten beinhaltet es darüber hinaus ein Spannfutter-Management und last-not-least eine Werkzeugdatenbank als Basis für eine umfassende Werkzeugverwaltung. Hier finden sich alle Daten über allgemeine NC-Parameter für die Werkzeugvermessung, und auch der Werkzeugverschleiß wird hier festgehalten. Ein spezieller Mechanismus zur Auswahl guter oder ungebrauchter Werkzeuge und Schwesterwerkzeugfunktionen mit Werkzeuglängen- und Durchmessererfassung sind ebenso Features, wie die statistische Auswertung des Werkzeugeinsatzes. Übrigens: Das Jobmanagement macht bereits bei Maschinen Sinn, deren Automatisierungsgrad sich in einer Mehrfachaufspannung bzw. mit mehreren Paletten auf einem Tisch erschöpft. Beispiel: Tritt ein Fehler bei der Bearbeitung eines Werkstückes auf, so wird nur die Bearbeitung dieses Werkstückes abgebrochen. Die Maschine bleibt also nicht stehen, was unter Umständen zu einer verlorenen Mannlosschicht führt, sondern startet mit der Bearbeitung des nächsten Werkstückes.
Die automatische Laservermessung der Werkzeuge nach einer vom Bediener vorgegebenen Routine ist eine weitere Basis für reibungslosen Automatikbetrieb der HSC-Fräsmaschinen. Beim Überschreiten einer vorgegebenen Toleranzbreite wird automatisch ein Schwesterwerkzeug eingewechselt, und optional ist auch das „Zurückspulen“ des Fräsprogramms zu der Stelle bei der die letzte Messung erfolgte möglich. Das heißt mit einem neu eingewechselten Schwesterwerkzeug kann unter Um-ständen das Werkstück „gerettet“ werden. Mit dieser komfortablen Funktion bekommt man den Werkzeugverschleiß weitestgehend in den Griff, eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung für das Funktionieren von Automationskonzepten. Nebenbei: Dass sich die automatische Laservermessung der Werkzeuge bei allen Maschinen aus dem Hause Röders außerhalb des Spänebereiches findet, ist ein kleines, aber prägnantes Beispiel für die von Solidität und Kundenverständnis geprägte Maschinenbauphilosophie des Hauses. Man kennt eben in Soltau die An-forderungen aus der Praxis, nicht zuletzt aus dem eigenen Formenbau.
Auf dieser Basis lässt sich gut über Automationskonzepte nachdenken, was man in Soltau schon vor geraumer Zeit getan hat. Es ist knapp zwei Jahre her, dass wir in der Special Tooling unter der Headline „Selbstabholer“ über die RFM 600P ausführlich berichten konnten. Die P-Baureihe (mit der RFM 600DSP gibt es längst eine 5-Achs-Version) präsentiert sich mit integrierter Palettenhandhabung als „Automationslösung aus einem Guss“. Zur Maschine gehört ein großes Wechselkarussell für Werkzeuge und Werkstücke. Die verlängerte Y-Achse (Lineardirektantrieb) ist für den Transport von Paletten und Werkzeugen zu-ständig. Neben 16 Plätzen für große Paletten (bei kleineren entsprechend mehr) findet sich im Karussell ein Werkzeugwechsler, der die Kapazität des ohnehin vorhandenen Werkzeugwechslers nochmals drastisch erhöht (optional bis zu 90 zusätzliche Plätze). Für die Werkstücke, die bis zu 100 kg schwer sein dürfen, können Paletten unterschiedlicher Hersteller eingesetzt werden. Palettentyp und Werkstück-abmessungen bestimmen letztlich die Kapazität des Palettenwechslers. Für den jeweiligen Palettentyp existiert nur ein Hauptgreifer, das heißt, es wird kein Subgreifer verwendet.
Wenn es noch mehr an Automation sein soll, dann bieten sich die Roboterlösungen an. Bereits vor vier Jahren hat die Röders GmbH erste Lösungen dieser Art ausgeliefert. Auf der Basis von drei handelsüblichen Knickarmrobotern (mit Tragkräften zwischen 16 und 165 kg) und individuellen Regalsystemen ist nahezu alles an kundenspezifischer Automatisierung der Röders-Maschinen denkbar. Die mögliche Kapa-zität an Paletten und Werkzeugplätzen wird nur durch die Reichweite des Knickarmroboters be-grenzt, ansonsten lässt sich ein solches System an nahezu alle Gegebenheiten anpassen. Mit Robotern ist auch die Beschickung horizontaler und vertikaler Spannfutter möglich. Die Drehung des Werkstückes im horizontalen Spannfutter erlaubt dabei noch eine ganz besondere Option: Dadurch wird echte 5-Seiten-bearbeitung möglich, ohne dass in eine zusätzliche Rundachse inves-tiert werden müsste. Ein zusätzliches Bonbon, das der eine oder andere Anwender sicherlich gerne nutzt.
Grundsätzlich sind alle Automationskonzepte für alle Röders-Maschinen zu haben. Im Wesentlichen werden es aber die 600er sein, wo diese Konzepte in der Praxis am meisten Sinn machen. Nicht nur, dass bei den großen Werkstücken (also bei den großen Maschinen) der Aufwand höher ist, Automatisierung zu realisieren, vielmehr lässt sich bei den in praxi auftretenden langen Bearbeitungszeiten nur selten ein gravierender Kostenvorteil darstellen. Und darum geht es letztlich bei jeder Art von Automation.
Ein weiterer wichtiger Punkt darf ebenso nicht übersehen werden. Prozesssicherheit, die Voraussetzung jeglicher Automatisierung, kann zwar weitestgehend, aber nicht ausschließlich durch die Anlagentechno-logie gewährleistet werden. Der Anwender muss auch seinen Part dazu beitragen. Dazu Jürgen Röders: „Es müssen Programme geschrieben werden, die stabil durchlaufen. Das heißt es muss auf Sicherheit programmiert werden und nicht auf schnellstmögliche Bearbeitung. Es sollte zu Gunsten des Gesamtsystems nie an die Grenzen der eigentlichen Maschine gegangen werden.“ Eigentlich schade, wenn man die Möglichkeiten der HSC-Maschinen aus Soltau kennt. Aber das ist wahrscheinlich wie in einer Fußballmannschaft, wo sich der Star der ganzen Mannschaft unterzuordnen hat. Und beim Thema Automation ist das Gesamtsystem die Mannschaft. fjg