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von Nikolaus Fecht Vor allem im Werkzeug- und Formenbau brodelt die Gerüchteküche kräftig. Kostproben: „Die günstigsten Werkzeuge kommen aus China“ und „Billiglohnländer brauchen kein Kostenbewusstsein“. Lothar Schmale bietet diesen geschmacklosen Gerichten Paroli mit schmackhaften Rezepten aus seinen Erfah-
rungen mit 172 Unternehmen aus 18 Ländern, die mit seinen Kalkulations-
programmen rechnen
Herr Schmale, Sie starteten einmal mit der Automobilindustrie: Wie sieht heute etliche tausend Lizenzen später der typische Anwender von Offerten-Software aus?
Es handelt sich nicht mehr nur um Automobilisten, die übrigens zusätzlich meine Schnellkalkulation eingeführt haben. Aber es sind auch sehr viele Mittelständler aus dem Werkzeugbau eingestiegen, unter denen sich erstaunlicherweise viele kleinere Unternehmen befinden.
Der Grund?
Sie wünschen sich mehr Transparenz in der Kalkulation und Dokumentation.
Betrifft das nur deutsche Betriebe?
Nein. Beispiel Ostblock: Dort entwickeln auch die Systemlieferanten Kostenbewusstsein. Zu den typischen Gegenbeispielen zählen Ungarn, Polen und Tschechien, die nicht mehr zu den typischen Billiglohnländern gehören. Der Verkauf von Lizenzen in diese Länder hat im letzten Jahr sehr stark zugenommen.
Welcher Staat kam außerdem hinzu?
Die Türkei, mit der ich nicht gerechnet hatte. Aber immerhin entstehen dort im Großraum Istanbul und Bursa über 1,2 Millionen PKW pro Jahr. So kam es für uns zu einem sehr guten Einstieg bei einigen der dort vertretenen europäischen und außereuropäischen Fahrzeugherstellern.
Aufgrund Ihrer Erfahrungen mit dem dortigen Werkzeug- und Formenbau: Läuft die Türkei langfristig den asiatischen Billiglohnländern, den so genannten Low-Cost-Countries (LCC), den Rang ab?
So würde ich das nicht formulieren. Aber ich frage die verantwortlichen Einkäufer mit Blick auf die dortigen Produkte und die zusätzlichen Kosten, die zweifelsohne entstehen: Muss es eigentlich unbedingt China sein? Oder auch: Rechnet sich China überhaupt noch? Dafür spricht, dass bereits etliche westeuropäische Formenbauer in der Türkei Niederlassungen und Kooperation eingegangen sind.
Wie gut sind die türkischen Werkzeugbauer?
Sie lassen sich mit dem Niveau von Betrieben aus dem Ostblock vergleichen: Es gibt bereits einige sehr gute. Aber man sollte aufpassen, denn einige haben noch nicht den hohen westeuropäischen Standard erreicht.
Was empfehlen Sie?
Ich würde sie einem Benchmark unterziehen. Da kommt dann meine Kalkulationssoftware ins Spiel, mit der sich nicht nur türkische, sondern generell alle ausländischen Anbieter, aber auch Stammlieferanten mit denen anderer Firmen vergleichen lassen.
Nutzen Sie auch das Know-how aus der Beratung bei 4000 verkauften Lizenzen?
Ein Schwerpunkt besteht natürlich in der Programm-Weiterentwicklung. Unser Knowhow können wir vor Ort optimal einsetzen, deshalb tat sich nach verschiedenen Gesprächen hier Schritt für Schritt ein völlig neuer Markt auf: Wir treten nun auch als Dienstleister auf.
Wie sieht Ihre Dienstleistung aus, für wen haben Sie bereits gearbeitet?
Wir analysieren und bewerten für Automobilisten größere Werkzeugumfänge. Es geht dabei um den Aufbau einer kompletten Datenbank. Außerdem kommt es zu einem Benchmark, bei dem wir alle wichtigen Parameter mit den Werten anderer Werkzeugbauer aus dem In- und Ausland vergleichen. Es geht dabei um eine Bewertung der Leistung und der Firma.
Ein Beispiel aus der Praxis?
Wir legen einen Faktor für bestimmte Tätigkeiten wie Fräsen, Erodieren oder Bankarbeiten fest. An diesem Wert messen wir dann das Unternehmen. Wenn es schlechter als dieser Durchschnittwert aus unserer Datenbank abschneidet, agiert es nicht marktgerecht. Die Firma muss dann entweder auf diesem Gebiet optimieren oder sich für Zukauf entscheiden. Aufgrund einer lupenreinen Dokumentation kann das Unternehmen auch feststellen, wie es sich gewandelt hat.
Apropos Wandel: Wie steht der deutsche Werkzeugbau heute da?
Die Firmen, die überlebten, haben rationalisiert und neue Schwerpunkte gesetzt. Ich gehe davon aus, dass diese Betriebe auch weiter bestehen werden – wenn es zu weiterer Optimierung kommt. Dank Liefertreue und Qualität sind die Marktchancen besser geworden.
Schaffen es die Deutschen im Alleingang?
Nicht unbedingt. Es gibt einige erfolgreiche Unternehmen, die bei der Produktion mit Partnern aus dem Ostblock oder sogar aus Fernost kooperieren, um dann hier die Montage und das Finishing zu übernehmen. Andere wiederum haben ihre Produktionsvielfalt mit einer verlängerten Werkbank des Ostblocks oder Asien erhöht und sind heute in der Lage, größere Umfänge aus einer Hand anzubieten.
Wie könnte eine Strategie aussehen?
Untergeordnete Tätigkeiten wie Rahmenfertigung geschehen im Ausland und wertschöpfende Arbeiten rund um die Kavitäten in Deutschland.