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von Helmut Angeli Dass rund um Gosheim die Sonne heller und öfter scheint als anderswo, kann getrost als Lügenmärchen abgetan werden. Dass man beim dortigen Werkzeugmaschinenhersteller Hermle AG aber im Vergleich zu anderen Herstellern so manches anders macht, ist unbestritten. Der Erfolg gibt dabei den Gosheimern Recht. Wir sprachen mit Vorstandschef Dietmar Hermle über Eigenheiten und Selbstverständnis eines Unternehmens, das seit Jahren nur mehr positive Schlagzeilen schreibt und doch herzerfrischend ,normal’ geblieben ist.
Auch wenn Sie es nicht allzu laut hinausposaunen, ist es doch unstrittig: Die Hermle AG liefert mit die prozentual höchsten Renditen im deutschen Werkzeugmaschinenbau – und das nun schon in schöner Regelmäßigkeit seit vielen Jahren. Da stellt sich doch die Frage, was macht denn die Hermle AG so viel anders als der Wettbewerb?
Eines vorab: Es gibt keine Geheimrezepte, um den Erfolg von Unternehmen sicherzustellen und Sie können versichert sein, wenn es doch welche gäbe, würde ich sie für mich behalten. Uns stehen die gleichen Instrumente und Möglichkeiten zur Verfügung, wie all unseren Marktbegleitern auch. Wir unterscheiden uns höchstens in der Intensität der Ausnutzung dieser Ressourcen.
Das ist ja nun sehr allgemein gehalten. Wo also nutzt die Hermle AG etwas intensiver als der Wettbewerb?
Wenn von den Vorteilen des Produktionsstandortes Deutschland die Rede ist, dann wird unweigerlich der gut ausgebildete Mitarbeiter aufgeführt. Das kann ich nur unterstreichen. Wenn dieser Mitarbeiter für den Erfolg eines Unternehmen aber so wichtig ist, dann muss dem Unternehmen doch sehr daran gelegen sein, diesen Mitarbeiter an sich zu binden. Die Hermle AG unternimmt viel, um dies sicherzustellen. Im gesamten Unternehmen hat sich der Teamgedanke durchgesetzt, alle – und dies gilt selbstverständlich auch für die Geschäftsführung – wissen, dass ein Einzelner oder eine Abteilung allein nichts bewirken kann, dass der Erfolg nur im Miteinander möglich ist. Und: Jeder Hermle-Mitarbeiter kann sicher sein, dass das Unternehmen – wenn nötig – ihm auch im privaten Umfeld zur Seite steht. Das schafft Vertrauen, motiviert und das schafft Identifikation. Und noch eines: Das ist nichts, was wir hier in Gosheim erfunden hätten, das sind die Ur-Tugenden, die unsere deutsche Industrie stark gemacht haben.
Mit allem Respekt: Das mag für die Atmosphäre ganz gut sein, aber erklärt nur bedingt den Erfolg…
…mal langsam. Das ist ein Baustein unserer Unternehmensphilosophie und Sie können mir glauben, beileibe kein unwichtiger. Die Motivation der Mitarbeiter ist eine markante Größe und fließt direkt proportional in das betriebswirtschaftliche Ergebnis einer Firma ein. Ein Beispiel: Bei uns wird viel auf der Meisterebene entschieden, was bei anderen Unternehmen unserer Größenordnung bis hoch in die Geschäftsleitung getragen wird. Das fördert schon in kleineren Organisationseinheiten ein unternehmerisches Denken und erhöht die Dynamik vieler Prozesse ganz ungemein. Ein Meister bei Hermle ist ein Entscheidungsträger und er ist hoch motiviert.
Neben den angesprochenen Merkmalen dürfte es aber auch in der Unternehmensorganisation einige Eckpunkte geben, die bei Hermle anders gewichtet sind, als bei vielen anderen Herstellern. Ich denke hier beispielsweise an die doch relativ hohe Fertigungstiefe hier in Gosheim…
…streichen Sie ,relativ’. Wir setzen ganz bewusst auf eine hohe Fertigungstiefe und wir sind davon überzeugt, dass dies für einen deutschen Werkzeugmaschinenhersteller eine beinahe unablässige Vo-raussetzung ist. Als deutsche Werkzeugmaschinenhersteller bewegen wir uns in einem Wettbewerbsumfeld, wo es keinen Sinn macht, sich über Preise definieren zu wollen. Wir müssen als Problemlöser auftreten, als Systemlieferant. Sich auf der Preisschiene mit einem Konkurrenten messen zu wollen, der seine Maschinen in Taiwan oder Korea herstellen lässt, ist meiner Überzeugung nach kein vernünftiges Geschäftsmodell. Wir müssen langlebigere, produktivere, genauere Maschinen entwickeln und bauen. Maschinen, die unseren Kunden seinerseits in die Lage versetzen, zu vernünftigen Kosten Qualitätsprodukte herzustellen. Das wiederum erfordert viel Know-how und Erfahrung auf Seiten der Hersteller. Und ich bin der festen Überzeugung, dies lässt sich nur sicherstellen, wenn ich das Produkt auch weitgehend selbst fertige.
Bei Hermle reicht dieses „weitgehend“ bis hin zu einer eigenen Blechfertigung und man hört sogar von einer eigenen Spindelfertigung…
…da hört man durchaus richtig. Aber was wir wollen, lässt sich am Beispiel Blechfertigung leichter darstellen. Wir haben in einen modernen Maschinenpark investiert, mit dem sich viele Prozesse vollautomatisiert abbilden lassen. Besser ausgerüstet kann auch kein Zulieferunternehmen sein und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass man unsere Maschinenverkleidungen kostengünstiger herstellen kann. Wir behalten also das Wissen um die Herstellung und die Wertschöpfung im Hause. Wir werden auch keine Lieferprobleme bekommen und wir haben ständige Rückmeldungen, wie man hier oder da noch etwas verbessern kann, wie dies oder jenes konstruktiv verändert werden sollte, damit es sich leichter oder kostengünstiger herstellen lässt. Da brauche ich nicht lange zu überlegen, ob das sinnvoll ist oder nicht.
…und warum eine eigene Motorspindel?
Wenn wir mit einem Spindellieferanten zusammenarbeiten, dann bekommt er von unserem Service viele Hinweise, wo denn bei der Spindel eventuell noch Schwachstellen sind. Er nimmt diese Meldungen auf und verbessert sein Produkt. Nur leider wird er mit der verbesserten Spindel nicht nur uns, sondern auch unseren Wettbewerb beliefern. Da macht es doch eher Sinn, diese Hinweise und Verbesserungsvorschläge in Eigenregie umzusetzen und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu erhalten.
Dieser Logik folgend, müsste Hermle alles selbst machen. Dem ist aber wohl doch nicht so…
Wir können und wollen natürlich nicht alles selbst machen. Aber in diesem Umfeld achten wir sehr darauf, dass wir mit unseren Lieferanten sehr lange und sehr vertrauensvoll zusammenarbeiten.
Anderes Thema: Welche Neuerungen kann man in diesem Jahr von Hermle erwarten?
Wir werden bereits auf der Hausausstellung vom 23. bis 26. April mit der B 300 ein Einstiegsmodell vorstellen, das auf dem erfolgreichen Konzept der C-Baureihe basiert. Diese Neuentwicklung mit Verfahrwegen von 800 x 600x 500 mm steht unseren C-Modellen in Genauigkeit und Qualität in nichts nach und soll unterhalb der C-Baureihe die Lücke schließen, die mit dem endgültigen Auslaufen der U-Maschinen entstehen könnte.