von Helmut Angeli Es spricht einiges dafür, dass die Reorganisation der Schleifring Gruppe weniger aus der Not geboren, als strategischen Überlegungen geschuldet ist. Neben der Zusammenführung der Technologiebereiche ist vor allem die neue Führungsstruktur dafür ein Beleg. Wir sprachen mit Stephan Nell, seit Februar diesen Jahres als Mitglied der Geschäftsführung der Körber Schleifring GmbH zuständig für Vertrieb, Marketing und Service. Sie sind seit zirka einem halben Jahr zum Geschäftsführer der Körber Schleifring GmbH für die Sparten Vertrieb, Marketing und Service bestellt. Sind das nicht alles Geschäftsfelder, die eigentlich in den einzelnen Gesellschaften angesiedelt sind? Diese Frage beantwortet sich nahezu von selbst, wenn man sich einmal die Struktur der Schleifring-Gruppe vor Augen hält. Dort sind mit Studer und Walter zwei relativ große Unternehmen, aber auch eine Reihe von kleineren Unternehmen integriert. Die Aufgabe der Geschäftsführung der Gruppe ist es nun, auch diesen kleineren Unternehmen mehr als bisher die Zugänge zu den globalen Märkten zu erleichtern. Nehmen wir nur einmal das Beispiel China. Um hier als mittelständisches Unternehmen erfolgreich sein zu können, ist die Unterstützung einer zentralen Organisation sehr hilfreich. Dazu kommen die Kontakte und Erfahrungen, die beispielsweise die Fritz Studer AG – im Übrigen bereits seit 1937 in China – in vielen Jahren gesammelt hat. Wir wären doch nicht gut beraten, wenn wir nicht konsequent versuchen würden, all das Wissen zu bündeln und allen Gruppenmitglieder zugänglich zu machen. Unabhängig davon gilt es, das durch die einzelnen Marken geprägte Interesse dahingehend zu kanalisieren, dass es die Gruppe in der Summe weiterbringt. Hierbei geht es vor allem darum, Querschnittsfunktionen wie beispielsweise den Einkauf so auszurichten, dass auch hier deutliche Synergien sichtbar werden. Oder nehmen wir das Beispiel Teilnahme an großen Messeveranstaltungen. Messeauftritte der Schleifring Gruppe bringen eine deutlich größere Aufmerksamkeit, als wenn sich die Einzelgesellschaften präsentieren würden. Wir versuchen derzeit die Vorteile, die sich aus dem Gruppenverband ergeben, zu nutzen, ohne die Nachteile einer zentralistisch orientierten Organisation zu haben. Die Schleifring-Unternehmen können sich als Mittelständler flexibel auf dem Markt bewegen und bekommen die Unterstützung der Gruppe dort, wo immer sie gebraucht wird. Damit glaube ich wird deutlich, dass die strategische Neuausrichtung der Schleifring Gruppe eben nicht nur die Zusammenführung der einzelnen Technologiebereiche unter eine jeweils einheitliche Führung umfasst, sondern dass auch über die Geschäftsleitung der Gruppe, den einzelnen Bereichen alle Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, die ein größerer Unternehmensverbund nun einmal hat. Es dürfte keinen zweiten Schleifmaschinenhersteller geben, der die Krise ähnlich konsequent genutzt hat wie wir, um Neuentwicklungen voranzutreiben und die internen Organisationsstrukturen zu optimieren Soweit ich mich erinnere, wurde vor fünf, sechs Jahren der Servicebereich sämtlicher Schleifring-Firmen ausgegliedert und in eine eigenständige Gesellschaft überführt. Nun wird alles wieder rückgängig gemacht und der Service in die einzelnen Unternehmen re-integriert… …was ja absolut richtig ist. Beim Service ist die Kundennähe extrem wichtig, genauso wie Schnelligkeit und Flexibilität. Dafür ist die Nähe zu den Herstellerfirmen nun einmal unerlässlich. Wir haben lernen müssen, dass eine Idee wie die Schleifring Service Gesellschaft theoretisch zwar eine Menge Vorteile bietet, aber auch, dass sich diese Konstellation in der Praxis nur bedingt bewährt hat. Wir haben diese Entscheidung deshalb revidiert und wieder in die einzelnen Gesellschaften zurückverlagert. Vertrieb und Service sind nicht trennbar. Trotzdem gehört zu den Geschäftsfeldern, die Sie zu verantworten haben, auch der Bereich Service. Wie passt das zusammen? Es gibt neben dem operativen Service auch einige Bereiche in diesem Umfeld, wo es durchaus Sinn macht, diese in ein übergeordnetes Konzept zu gießen. Beispiel: Wir wollen den Kunden jedes Schleifring-Unternehmens einen einheitlich hohen Standard in der Servicequalität bieten. Wir haben deshalb ein Team installiert, das sich um übergreifende Themen wie einheitliche Standards und innovative Serviceangebote kümmert. Was hier erarbeitet wird, ist unabhängig vom Tagesgeschäft und kommt allen Gruppenmitgliedern zugute. Sie haben China schon kurz angesprochen. Wie beurteilen Sie die Chancen für europäische Unternehmen, von der Dynamik dort zu profitieren. Auch hier eine Vorbemerkung: Wer nach China geht, um Kosten zu sparen, hat schon verloren. Wir müssen China als Markt verstehen, denn das sind 35 Prozent des weltweiten Marktes für Werkzeugmaschinen. Und wenn wir uns dort engagieren, dann kostet das im ersten Schritt erst einmal richtig Geld. Aber auch hier geht es darum, dass nicht jedes Gruppenmitglied dort seine eigenen Erfahrungen sammeln muss, sondern von dem Erfahrungsschatz und dem Know-how der Gruppe lernt und profitiert. . Dann lassen Sie mich doch nachfragen, wie der Schleifring in China aufgestellt ist? Wie ich schon angedeutet habe, sind einzelne Gesellschaften unserer Gruppe schon seit vielen Jahrzehnten in China präsent. Seit 1994 haben wir dort eine eigene Repräsentanz und seit 2004 in Shanghai ein eigenes Werk. Dort produzieren wir auf die Belange des chinesischen Marktes ausgerichtete Schleifmaschinen. . Nach anfänglichen Mühen hat man dort ein Niveau erreicht, das ich ohne jede Einschränkung als Schleifring-Standard bezeichnen möchte. Derzeit wird dort vor Ort eine neue Flachschleifmaschine entwickelt und gebaut, die wir auf der EMO vorstellen werden. Die Körber Schleifring Machinery Shanghai ist heute eine Firma, die alle Unternehmensfunktionen wie Entwicklung, Einkauf, Produktion und Service abdeckt. Kann man sich vorstellen, dass mittelfristig von dort auch Maschinen für den Weltmarkt gebaut werden? Derzeit ist das nicht angedacht. Gerade im Umfeld der Automobilindustrie ist das down-sizing eines der bestimmenden Trends. Bringen die daraus resultierenden höheren Genauigkeitsanforderungen dem Schleifen eine Renaissance? So weit möchte ich einmal noch nicht gehen, aber es ist festzustellen, dass der Auftragseingang aus diesem Umfeld schon für einen gewissen Optimismus sorgt... …der sich in etwa wie darstellt? Wir verzeichnen derzeit einen Auftragseingang, der mit unserem absoluten Rekordjahr 2008 vergleichbar ist. Zur Schleifring Gruppe gehören einige Schweizer Unternehmen. Welche Rolle spielt hier das derzeit ungünstige Währungsverhältnis Euro zu Franken? Wenn wir die Kaufkraftparitäten vergleichen, deutet vieles darauf hin, dass der Schweizer Franken derzeit deutlich zu hoch bewertet ist. Das Niveau macht natürlich dem produzierenden Gewerbe einiges an Problemen. Viele der Schweizer Unternehmen sind sehr exportabhängig, und da braucht es nicht viel Phantasie um nachvollziehen zu können, welche Probleme mit dem starken Franken einhergehen. Das trifft natürlich auch die zur Schleifring Gruppe gehörenden Schweizer Unternehmen. Aber auch hier kann eine Organisationsstruktur wie die unsere durchaus hilfreich sein. Dem Schleifring steht also eine goldene Zukunft ins Haus. Richtig? Wir haben zumindest alles unternommen, dass dies so sein kann. Marktentwicklungen lassen sich aber nun einmal nicht voraussagen. Wenn Sie es dennoch einmal versuchen wollten… . Nach den uns vorliegenden Prognosen und Einschätzungen – Beispiel Oxford-Studie oder VDW-Prognosen – geht man davon aus, dass die Schleifbranche mitttelfristig um zirka 20 Prozent wachsen wird. Wir wollen mehr, denn wir glauben, dass wir durchaus noch zusätzliche Marktanteile gewinnen können. Denn für uns steht fest, dass der Bedarf an hochwertigen Schleifmaschinen gegenüber den relativ einfachen weiter zunehmen wird. Und wer, wenn denn nicht die Schleifring Gruppe, sollte von so einer Entwicklung profitieren?