von Helmut Angeli Wenn im deutschen Werkzeugmaschinenbau ein Unternehmen das Prädikat Full-Liner verdient, dann die Gildemeister AG. Dass aber selbst ,Vollsortimenter’ ihre Produktpalette noch erweitern können, das zeigte sich auf der Pfrontener Hausmesse Anfang dieses Jahres und den Großmaschinentagen im März in Bielefeld.
Wer bislang kubische Großteile zu bearbeiten hatte und wollte dazu auf DMG-Bearbeitungszentren zurückgreifen, der hatte – wenn denn beispielsweise der Verfahrweg in der X-Achse die 3.400 mm überschritt – ein Problem: Es gab gar keine Bearbeitungszentrum aus dem Hause Gildemeister, das derartige Bearbeitungslängen zugelassen hätte. Nicht viel besser erging es denjenigen, die nach größeren Dreh-Fräszentren suchten. Auch denen musste bislang (sinngemäß) bedeutet werden: „Bis hierher und nicht weiter.“
Für ein Unternehmen wie die Gildemeister AG (was natürlich auch im gleichen Maße für deren Kunden gilt) kein wirklich zufriedenstellender Zustand. Mit einem entwicklungstechnischen Kraftakt hat dies jetzt ein Ende. Mit dem in Pfronten entwickelten 5-Achsbearbeitungszentrum DMU 600 P und den beiden auf Mori Seiki-Entwicklungen fußenden Dreh-Fräszentren CTX delta 4000 respektive 6000 TC stehen jetzt Maschinen zur Verfügung, die in Sachen Bearbeitungsraum- oder -länge (fast) keinen Wunsch mehr offen lassen. Vor allem aber öffnet man sich damit neue Anwendungsbereiche aus dem Umfeld des automobilen Werkzeug- und Formenbau, der Energietechnik, den Großanlagenbau und dem Aerospacebereich. Ein Marktsegment, das durchaus Potential verspricht. Dazu Christian Thönes, Geschäftsführer der Deckel Maho Pfronten GmbH: „Es gibt einen eindeutigen Trend hin zu größeren und immer komplexeren Bauteilen. Mit der DMU 600 P können wir jetzt auch Kunden aus diesem Bereich ein innovatives Maschinenkonzept anbieten.“ Und weiter: „Wir gehen von einem Marktvolumen von rund 80 Maschinen pro Jahr aus.“ Und wie viel davon sollen künftig aus dem Hause DMG kommen? Noch einmal Christian Thönes: „In 2010 rechnen wir mit bis zu acht Maschinen, mittelfristig sehen wir uns in einer Größenordnung von mehr als 15 Einheiten bei der neuen DMU 600. Im Bereich der Großmaschinen planen wir binnen 12 Monaten ein Geschäftsvolumen von 100 Mio. Euro zu erreichen.“ Dafür bekommt der Kunde aber dann auch die Erfahrung aus mehr als 10 Jahren Großmaschinenbau mit bereits über 800 installierten Portalmaschinen.
Die Maschine selbst wird von der DMG so vorgestellt: „Neben den Verfahrwegen (6.000 mm in X- und bemerkenswerte 4.200 mm in Y-Richtung sowie eine W-Achse des Querträgers mit bis zu 2.000 mm und ein zusätzlicher Stößelhub in der Z-Achse von bis zu 1.500 mm) und den Abmessungen (Portaldurchgang von 3.500 mm quer beziehungsweise bis 3.000 mm vertikal, bei einem Bearbeitungstisch von 5.000 x 2.600 mm für Werkstücke von bis zu 40 t) beeindruckt die neuen DMU 600 P vor allem auch durch einen einzigartigen Systembaukasten. Dazu zählen das 12 m lange Maschinenbett oder das Portal ebenso wie die unterschiedlichen Tischvarianten bis hin zur FD-Variante zum Fräsen und Drehen auf einer Maschine. Und dazu zählen auch die intelligenten Werkzeugkonzepte für bis zu 313 Tools oder die automatisch einwechselbaren Fräsköpfe, über die es möglich ist, zunächst mit bis zu 2.500 Nm Drehmoment und Drehzahlen bis 6.000 min-1 anspruchsvoll zu schruppen, um anschließend mit einer 24.000er-Spindel mit 90 Nm die Schlichtbearbeitung durchzuführen. In der Summe seiner Möglichkeiten eröffnet das Baukastenkonzept der DMU 600 P den Anwendern also einen einzigartigen Spielraum bei der Großteilebearbeitung.“
Und weiter: „Die DMU 600 P erreicht Vorschubgeschwindigkeiten in den Linearachsen bis zu 30 m/min, bei Beschleunigungen bis zu 3 m/s². Insbesondere angesichts der großen Verfahrwege und beim automatischen Fräskopf-Wechsel sorgen diese Features für kurze Nebenzeiten und eine in dieser Klasse unschlagbare Produktivität. Zumal die Antriebe der Rundachsen mit Direct Drive-Technologie für Beschleunigungen bis zu 7 U/s² und Dreh- beziehungsweise Schwenkgeschwindigkeiten bis 40 min-1 sorgen. Des weiteren sind die neuesten Steuerungs- und Softwarefeatures integriert. Steuerungsseitig agiert in der DMG ErgoLine Control mit ihrem 19“-Display eine 3D-CNC wahlweise von Heidenhain oder Siemens, die eine erstklassige Performance für die Großteilebearbeitung bereitstellen. Beispiele sind hier spezielle Softwaremodule für den Werkzeug- und Formenbau, Genauigkeitspakete für maximale Präzisionsanforderungen und hohe Oberflächengüten oder speziell angepasste Zyklen für die Hochgeschwindigkeitsbearbeitung.
Als Basis der zuvor genannten Features und Fähigkeiten fungiert auch bei der DMU 600 P das Konstruktionsprinzip der Portalbauweise, die schon von Haus aus eine hohe Stabilität und Dauergenauigkeit gewährleistet. Das besondere Highlight in dem Zusammenhang ist zudem, dass das Portal zum einen individuell im Fundament verankert wird und zum anderen eine mechanische Verbindung zwischen Portal und Maschinenbett für konstante Geometriebedingungen und höchste Steifigkeitswerte sorgt. Dafür bürgt auch die Verwendung von GGG60-Gussbauteilen, was zudem beste Dämpfungseigenschaften gewährleistet, wie sie gerade beim hochgenauen Finishbearbeiten unverzichtbar sind. Bleibt abschließend lediglich noch der Hinweis, dass die DMU 600 P schon vor der Installation Geld sparen hilft. Denn den neuen Großmaschinen von DMG genügt ein vergleichsweise einfaches und damit günstiges Fundament im ,SwimmingPool‘-Format.“ Zu sehen sind die Großmaschinen Ende des Jahres bei den Großmaschinen-Tagen im Hause Deckel Maho in Pfronten.
Damit zu den Dreh-Fräszentren CTX delta 4000 TC und CTX delta 6000 TC. Der Startschuss zur größten CTX-Entwicklung aller Zeiten fiel auf den 1. Großmaschinentagen Mitte März im neuen DMG Großteile Center in Bielefeld. Für Harry Junger, Geschäftsführer der Gildemeister Drehmaschinen GmbH, nicht nur ein neues, sondern auch durchaus lukratives neues Geschäftsfeld: „Unseren Marktanalysen zufolge bewegt sich das Marktvolumen in einem Bereich von um die 120 Maschinen im Jahr und davon wollen wir uns mittelfristig einen Anteil von zirka 20 Maschinen sichern.“ Ein anspruchsvolles Ziel, zumal beide Maschinen auf Entwicklungen des Kooperationspartners Mori Seiki aufbauen, wie Harry Junger bestätigt: „Es wird komplett die erfolgreich etablierte mechanische Basis von Mori übernommen. Unterscheidungen liegen im Bereich Human Interfaces also Steuerung mit DMG Ergoline und Siemens-Steuerung sowie im Design.“ Wird man so aber nicht zu einem direkten Wettbewerber für den Kooperationspartner Mori?
„Gerade nicht, da das entscheidende Unterscheidungsmerkmal der Steuerung und Software sich ideal ergänzen.“ Und er nennt für die Verwendung der Mori-Entwicklung neben den deutlich geringeren eigenen Entwicklungsaufwand noch einen entscheidenden Vorteil: „Aufgrund der großen Stückzahlbasis erzielen wir attraktive Preise und können für unsere Kunden relativ kurze Lieferzeiten realisieren.“
Und so sieht die offizielle Vorstellung der beiden Dreh-Fräszentren aus: „Im dritten Quartal 2010 wird DMG seine neuen Mega-Dreh-Fräszentren der CTX delta TC-Baureihe mit Drehlängen bis 6.000 mm präsentieren. Bis dahin werden namentlich die CTX delta 4000 TC und die CTX delta 6000 TC nicht nur mit dem New DMG Design ein innovatives Erscheinungsbild bekommen haben, sondern vor allem mit der DMG ErgoLine Control eine ergonomische Bedienerschnittstelle mit großem 19“-Screen und mit der Siemens ShopTurn 3G eine speziell auf die Anforderungen der Großteilebearbeitung zugeschnittene 3D-Hightech-Steuerung bieten. Basis der beiden neuen Mega-Dreh-Fräszentren ist die NT 6600-Offerte von Mori Seiki.
Nennenswert in diesem Zusammenhang sind insbesondere der stabile Rahmenständer in Box-in-Box-Konstruktion, die um +/-120° schwenkbare B-Achse der Frässpindel mit spielfreiem Direktantrieb sowie der Doppelantrieb in der X- und Y-Achse. Das Werkzeugmagazin der NT 6600 und mithin dann auch der beiden CTX delta TC-Maschinen bietet bereits in der Standard-Ausführung Platz für 50 Werkzeuge und ist in Stufen von 100 und 140 Tools bis zu einer Kapazität von 180 Werkzeugen ausbaubar. Die maximale Werkzeuglänge ist dabei mit jeweils 600 mm im Standart angegeben, bei einem Höchstgewicht der Tools von 30 kg. Die Werkzeuglänge kann durch ein Zusatzmagazin aber auf 1.200 mm erweitert werden.“
Und abschließend: „Steuerungsseitig setzt DMG bei den CTX delta TC-Maschinen auf die Siemens ShopTurn 3G für einfachste Programmierung mit 3D-Grafik inklusive Echtzeitsimulation. Die Steuerung bietet darüber hinaus Anwenderbilder für schnelles Einrichten, eine Ethernet-Schnittstelle für schnellen Datenaustausch, sicheres Einrichten, eine einfache Fehlerbehebung durch Hinweise der Diagnose sowie Funktionen zur vorbeugenden Instandhaltung.“W