von Rudolf Beyer Hydrostatische Führungen in der X- und Z-Achse gewährleisten seit mehr als 20 Jahren an mehr als 1.000 ausgelieferten Kellenberger-Schleifmaschinen höchste Genauigkeit und verschleißfreien Betrieb. Dank der langjährigen positiven Erfahrung mit den über viele Jahre gleich bleibenden Eigenschaften rüstet der Schweizer Hersteller jetzt alle höherwertigen Maschinenypen mit diesem Stick-slip-freien Führungssystem aus und gibt darauf ab sofort fünf Jahre Garantie.
Die Vorteile hydrostatischer Führungen an Werkzeugmaschinen gegenüber Wälz- oder Gleitführungen dürften bekannt sein. Da der Schlitten immer auf den Ölpolstern der Hydrostatiktaschen schwebt, berühren sich die Führungsflächen nicht. Hierdurch wird Verschleiß vermieden. Exzellente Maschineneigenschaften wie hohe Steifigkeit, Belastbarkeit und Führungsgenauigkeit sowie Stick-slip Freiheit, hohe Positioniergenauigkeit und Dämpfung bleiben deshalb jahrelang unverändert erhalten. Einziger Nachteil: Der technische Aufwand für dieses Führungssystem ist im Vergleich zu klassischen Gleitführungen aufwändiger und damit teurer. Rechnet sich das bei Kellenberger-Schleifmaschinen trotzdem?
Jürg Kellenberger: Die Hydrostatik konnten wir anfangs wegen der damit verbundenen Mehrkosten relativ selten verkaufen. Das hat sich im Laufe der Jahre mit der Einführung der CNC-Technik und den gestiegenen Kundenanforderungen an das Schleifergebnis allerdings sehr geändert. Den höheren Kosten steht nicht nur die vom Markt geforderte höhere Präzision unserer inzwischen weiter entwickelten Maschinen gegenüber, sondern auch deren hohe Zuverlässigkeit und die über Jahre gleich bleibenden exzellenten Eigenschaften. Bereits 1993 waren wir der Ansicht, dass die Hydrostatik im Premiumsegment unserer Rundschleifmaschinen die Führung der Zukunft ist. Mehr als 1.000 ausgelieferte Maschinen bestätigen dies inzwischen. Nach einer konsequenten Vereinheitlichung von Baugruppen und konstruktiven Maßnahmen im Grundaufbau nutzen wir heute die Vorteile der Hydrostatik bei allen unserer höherwertigen Rundschleifmaschinen-Varianten – durch die damit verbundenen größeren Stückzahlen sind die Mehrkosten mittlerweile so gering, dass sich dies für den Kunden bestens rechnet.
Nun überrascht ja ein wenig, dass Kellenberger für die Aufgabenstellung Rundschleifen relativ viele Maschinen-Varianten im Lieferprogramm hat. Warum diese Vielfalt an Baureihen? Zerbröseln da nicht die Stückzahlen und verursachen damit unnötig hohe Herstellkosten?
Urs Baumgartner: Es gibt bei Kellenberger im Prinzip nur drei unterschiedliche CNC-Schleifmaschinen – jeweils eine Variante mit wenigen Optionen als kostengünstige Paketmaschine, dann die Maschine mit einer breiten Palette von Optionen und noch die Variante mit der Möglichkeit kundenspezifischer Anpassungen. Die Kel-Vista als Paketmaschine und die Kel-Vita für kundenspezifische Anwendungen für anspruchsvolle Einsteiger. Kel-Viva und Kel-Varia für höchste Qualitätsansprüche bei ständig wechselnden Aufgabenstellungen, die Kel-Vera für höchste Leistung bei mittleren und großen Stückzahlen sowie die T35 für die Massenproduktion mit höchster Leistung und Dynamik. Die Kel-Vista ist mit einem etwas leichteren Maschinenbau, mit Wälzführungen in der X-Achse und klassischer Gleitführung in der Z-Achse, die preisgünstigste CNC-Universal-Schleifmaschine mit drei wählbaren Schleifkopfvarianten UR, R und RS.
Auf der gleichen Maschinenbasis baut die Kel-Vita auf, sie kann aber unter anderem mit acht Schleifkopfvarianten und C-Achse flexibel für unterschiedlichste Kundenwünsche ausgelegt werden. Alle anderen Maschinentypen aus unserem Hause haben heute hydrostatische Führungen in der X- und Z-Achse. Für höchste Qualitätsansprüche mit wenigen wählbaren Optionen wie B- und C-Achse sowie zwei verschiedenen Schleifköpfen ist die Kel-Viva als innovative Universal-Schleifmaschine mit hydrostatischen V-Flach-Führungen für zwei Schleiflängen entwickelt worden. Auf der gleichen Maschinenbasis baut die Kel-Varia auf. Bei dieser Variante für die Komplettbearbeitung kann der Kunde nicht nur unter 28 verschiedenen Schleifköpfen die für ihn geeignetste Ausführung wählen, es gibt die Maschine in drei Schleiflängen und zwei Spitzenhöhen.
Hydrostatische Führungen mit Umgriff verleihen der Präzisions-Rundschleifmaschine Kel-Vera eine noch bessere Steifigkeit. Die äußerst kompakt bauende Maschine bietet mit acht verschiedenen Universalschleifköpfen damit die besten Voraussetzungen für das hoch produktive Schleifen mittlerer und großer Stückzahlen. Die Maschinenbasis ist die gleiche wie bei der Produktions-Außenrundschleifmaschine T 35 von Tschudin, eine Einzweckmaschine für die Massenproduktion mit höchster Leistung und Dynamik.
Das heißt, die von Tschudin zur EMO 2005 in Hannover vorgestellte T35 und die Kel-Vera von Kellenberger sind eine Gemeinschaftsentwicklung zweier Unternehmen, die erst vor zwei Jahren fusioniert wurden?
Jürg Kellenberger: Obwohl die Firmen Tschudin, Hauser und Tripet nach der Übernahme vor acht Jahren durch unsere Mutterfirma Hardinge zunächst als eigenständiges Unternehmen geführt wurden, haben wir schon vor der Fusionierung eng zusammengearbeitet und gemeinsam eine sehr kompakte Maschinenstruktur entwickelt, aus der sowohl die hoch produktive Außenrundschleifmaschine T 35 für die Großserienfertigung als auch die Kel-Vera für die produktive Klein- und Mittelserienfertigung enstanden ist. Beiden Maschinentypen gemeinsam ist die Hydrostatik mit Umgriff, die durch ihre hohe dynamische Steifigkeit in Verbindung mit der robusten Dimensionierung der WZM-Grundstruktur sowohl höhere Schleifleistungen als auch höhere Schleifgeschwindigkeiten ermöglicht. Ergänzt durch die konsequente Trennung der Maschinenbasis von wärme- und schwingungserzeugenden Komponenten erreichen wir so nicht nur ein Höchstmaß an Präzision, sondern auch hohe Prozesssicherheit und Zuverlässigkeit.
Warum kommen bei den Schleifmaschinen von Kellenberger und Tschudin hydrostatische Führungen mit und ohne Umgriff zum Einsatz?
Bernard Geschwend: Bei den universellen Anwendungen der Kellenberger-Schleifmaschinen ist es wichtig, höchste Repetierbarkeit schon beim ersten Lauf zu haben, schon das erste Teil sollte möglichst präzise und ohne Korrekturen geschliffen werden. Will man nur Durchmesser schleifen, ist die hydrostatische Führung nicht unbedingt nötig, aber sobald man eine genaue Kontur mit X-Z-Interpolation oder eine Unrundkontur schleift, erzielen wir mit hydrostatischen V-Flach-Führungen und unserer Heidenhain-Steuerung auf das erste Mal eine sehr hohe Genauigkeit. Natürlich auch deshalb, weil die hydrostatischen Führungen und Messsysteme sehr genau sind. Man ist also schon mit dem ersten Teil schneller am Ziel und braucht nicht das NC-Programm zu korrigieren. In der Produktion stehen andere Kriterien im Vordergrund. Da ist die Repetierbarkeit über die gesamte Lebensdauer ein wichtiger Aspekt. Dort will man die Maschine einmal genau einstellen und dann die nächsten fünf Jahre möglichst nicht mehr anfassen. Hinzu kommt, dass Tschudin mit der T 35 für die Motoren-Einspritztechnik bislang nicht geforderte extrem hohe Genauigkeiten und Abtragsleistungen realisieren musste. Unseren Entwicklern war klar, dass die bei Kellenberger bewährten V-Flach-Führungen solch höheren Leistungen nicht mehr genügen würden. Deshalb haben wir sie sowohl bei der T 35 als auch bei der Kel-Vera in der X- und Z-Achse durch rigide Rechteck-Führungen mit Umgriff ersetzt. Der optimalen Dimensionierung der Auflage-Führung und der beiderseitigen Seiten-Führungen sowie der Anordnung und der Gestaltung der Öl-Taschen haben wir extrem große Beachtung geschenkt und beispielsweise die Distanzen zwischen den Reglern und den Taschen sehr sehr kurz gehalten, damit selbst bei großer Leistung die Gefahr von Schwingungen drastisch minimiert wird. Die Maschinen verfahren im Eilgang in der Längsachse 30 m/min, in der Zustellachse 15 m/min und erreichen eine Dynamik von 4m/s2 ,was beim Schleifen ungewöhnlich hoch ist.
Mit Werkzeugmaschinen aus der Schweiz verbindet sich für viele der Begriff Hochpräzision. Da ist es interessant zu wissen, werden Kellenberger-Schleifmaschinen in der Schweiz gefertigt oder nur montiert?
Jürg Kellenberger: Vor der Übernahme durch die Hardinge-Gruppe vor 15 Jahren hatten wir die Großteilefertigung in der Tschechei, das haben wir mit Unterstützung von Hardinge alles zurückgenommen und beziehen von dort nur noch den Großguß. Gefertigt wird heute komplett alles mit hoher Fertigungstiefe im eigenen Unternehmen. Dazu haben wir in den zurückliegenden Jahren kräftig in Maschinen und Gebäude investiert, denn wir wollen das Know-how der Schleifmaschinenherstellung bei uns in der Schweiz halten. Und wir nutzen die jetzige schlechte Zeit für Weichenstellungen in die Zukunft. Wir werden noch einmal eine Halle für die Großteilebearbeitung bauen und dafür auch noch eine Führungsbahnschleifmaschine à la Waldrich kaufen und unsere vorhandene Waldrich-Maschine komplett überholen lassen.
Zum Schluss sei die Frage erlaubt, wie ist die derzeitige Auftragssituation? Wann glauben Sie, geht es im Werkzeugmaschinengeschäft wieder aufwärts?
Jürg Kellenberger: Wie viele andere auch sind wir im Umsatz von zirka 120 Mio. SFR in 2008 auf ca. 80 Mio. SFR im letzten Jahr drastisch abgestürzt und haben das durch Kurzarbeit und Entlassungen soweit aufgefangen, dass wir keine Verluste schreiben mussten. Wir brauchen sicher einige Jahre, bis wir uns davon wieder erholt haben. Im Augenblick zieht das Geschäft etwas an, ob das aber von Dauer ist, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Doch wir sind vorsichtig optimistisch. Wir haben zur Hydrostatik an unseren Maschinen generell ja gesagt und werden mit unserem Angebot von Hochpräzisionsmaschinen mit Sicherheit auf jeden Fall zu den Unternehmen gehören, die diese beispiellose Krise bewältigen werden.W