Neue Marktpotenziale für EHB
Elektrohängebahnen gehören zu den Klassikern in der Fördertechnik. Kein Automobilwerk kommt ohne sie aus ¿ auch heute nicht. Eine Zeitlang schien es so, als würden Fahrerlose Transportsysteme, kurz FTS, ihnen den Rang ablaufen und sie ausschließlich in die Nische verbannen, wo allein Platzmangel den Materialfluss an die Decke zwingt. Aber die robuste Technik und geringer Wartungsaufwand haben die EHB attraktiv gehalten. Durch die Möglichkeit der automatischen Ansteuerung der einzelnen Fahrzeuge ist diese Technik durchaus flexibel und zukunftsorientiert. Der Materialfluss ¿an der Decke¿ ist aus den Logistikplanungen nicht mehr wegzudenken.
Mit einer EHB-Anlage lassen sich Be-und Entladestationen in einem Materialfluss netzartig und automatisch verknüpfen. Die flurfreie Anordnung der Anlage an der Gebäudedecke schafft außerdem freie Flächen auf dem Hallenboden für Nutzungsalternativen, wie Produktions- und Montageanlagen. Gerade zum Nachrüsten in einem bestehenden Hallenlayout ist die EHB als Fördertechnik prädestiniert. Voraussetzung ist es, dass die Deckenkonstruktion die Aufhängung des Fahrschienensystems zulässt. Alternativ zur Deckenaufhängung können die Fahrschienen aber auch aufgeständert werden. Mit einer Kombination dieser beiden Prinzipien können beispielsweise unterschiedliche Gebäudeteile miteinander verknüpft werden.
Eine hohe Flexibilität bieten EHB sowohl in der Fahrkursanordnung als auch in der Fahrkursführung. Durch die Kombination von dynamischen Fahrkurselementen, wie Weichen, Hub- und Senkstationen, mit den einzeln ansteuerbaren, automatisierten Fahrzeugen lassen sich kundenindividuelle, anforderungsgerechte EHB-Anlagen herstellen /1/.
Kostendruck und verhaltenes Wirtschaftswachstum erfordern entsprechend hohe Innovationspotenziale bei den Herstellern von EHB-Anlagen /2/. So richten sich die zukünftigen Aufgabenfelder im besonderen Maße auf die
n Verbesserung der Wartungsfreundlichkeit der EHB-Anlagen,
n Modularisierung der Komponenten und deren Verknüpfung sowie
n die Weiterentwicklung und den Ausbau der induktiven Energie- und Datenübertragung.
Wartungsfreundlichkeit entscheidet
Der Einsatz von konventionellen Strom- und Datenschienen in Kombination mit kohlehaltigen Schleifkontakten verursacht einen laufenden Instandhaltungsaufwand /3/. Der kontinuierliche Abrieb der Kontakte lässt zum einen die Strom- und Datenschienen sowie die Umgebung verschmutzen und zum anderen erhöht sich die Ausfallhäufigkeit durch die Abnutzung der Kontakte. Dabei lassen die unterschiedlichen Beanspruchungen der Fahrzeuge keine einheitlichen Wartungsintervalle zu. Um die Auslastung des herstellerbezogenen Wartungspersonals zu erhöhen, werden häufig Verschleißteile nicht zum optimalen Zeitpunkt ausgetauscht. Teilweise erfolgt der Austausch von Verschleißteilen vorzeitig, da die Periode zum nächsten Wartungstermin zu lang ist. Das bedeutet, dass Teile ausgetauscht werden, bevor deren Verschleißlimit erreicht ist. Durch die Angleichung und Reduzierung von Wartungsintervallen können die Betriebskosten für den Anwender gesenkt werden, da dann Anfahrtpauschalen, Ersatzteilkosten und Kosten für Ausfallzeiten niedriger sind.
Der gleichmäßige Einsatz und die kontinuierliche Überwachung der Fahrzeuge ist eine Aufgabe der Steuerungssoftware. Durch einen geschickten Einsatz der Fahrzeuge lassen sich Abnutzungen je nach Wartungsstrategie steuern und somit Wartungskosten minimieren. Die verstärkte Berücksichtigung der Anforderungen einer kostengünstigen Wartung stellt ein Potenzial für Lieferanten und Hersteller von EHB-Anlagen dar, um die Wettbewerbsposition zu verbessern.
Herstellerübergreifende Standardisierung
Neben der Verbesserung der Wartungsfreundlichkeit stellt sich auch die Modularisierung der Komponenten als ein zukünftiger Aufgabenschwerpunkt der Hersteller dar. Die EHB-Anlage besteht aus den Komponenten Fahrkurs, Fahrzeuge, Steuerung und periphere Elemente. Zu den peripheren Elementen gehören beispielsweise Lastübergabestationen, Fallsicherungen und Wartungsplattformen. Die Modularisierung und Verknüpfung dieser Komponenten muss sowohl herstellerbezogen als auch herstellerübergreifend sein, um Wettbewerbsvorteile und Zukunftssicherheit zu schaffen.
Jede Komponente für sich wird von den Lieferanten in Varianten angeboten. Die notwendige herstellerbezogene Verknüpfung der Komponenten zur Erfüllung der Kundenanforderungen ist jedoch nicht immer gegeben. Dadurch kommt es vor, dass für die zu erfüllende Aufgabe eine überdimensionierte Technik zum Einsatz kommt. Das bedeutet für den Anwender einerseits eine gewisse Anlagensicherheit, führt aber andererseits im Regelfall zu überhöhten Investitionsausgaben. Die anforderungsgerechte Dimensionierung von EHB-Anlagen durch die komponentenübergreifende Standardisierung des Herstellerprogramms vermindert auf Herstellerseite den Entwicklungsaufwand in der Projektphase und bietet dem Kunden anforderungsgerechte Lösungen.
Die herstellerübergreifende Standardisierung von Schnittstellen und Komponenten eröffnet die Möglichkeit, Komponenten unterschiedlicher Hersteller zu kombinieren. So können Kostenvorteile und die Kundenindividualität mit Standardprodukten realisiert werden. Durch den steigenden Kostendruck in der Fördertechnikbranche ist die Standardisierung der Hersteller untereinander eine wichtige Strategie zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.
Berührungslos in die Zukunft
Ein technologischer Quantensprung für die EHB ist die Entwicklung der berührungslosen Energie- und Datenübertragung. Nahezu alle Hersteller bieten heute Anlagenvarianten mit dieser Technik an. Außerdem gibt es eine intensive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit für die Umrüstung von der konventionellen Stromschiene auf die induktive Energie- und Datenübertragung sowie für die Applikation der induktiven Technik bei der Realisierung von Steigfahrten.
Die Grundlagen der induktiven Energie- und Datenübertragung sind seit geraumer Zeit bekannt und finden beispielsweise bei der induktiven Führung von Fahrerlosen Transportsystemen erfolgreich Anwendung /4/.
Der entscheidende Vorteil dieser Technik liegt in der Unempfindlichkeit gegenüber Fremdverschmutzungen. Hierdurch lassen sich auch schwierige Umgebungsbedingungen, wie Lebensmittel-, Staub- und Kühlbereiche, mit EHB-Anlagen ausrüsten /5/. Die bisherige Spitzenanwenderbranche, die Automobilindustrie, mit durchschnittlich 74 % der Anlagen in den vergangenen acht Jahren, wird dadurch zwar nicht an ihrer Bedeutung verlieren, aber eine Diversifikation eröffnet neue Marktpotenziale für EHB-Anlagen in weiteren Branchen.
Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass diese Technik nahezu wartungsfrei ist, und damit die Betriebskosten für den Anwender relativ gering sind. Demgegenüber stehen allerdings hohe Investitionsausgaben und ein schlechteres Energienutzungsverhältnis als bei der konventionellen Stromschiene.
Resümee
Erfindergeist und Innovationen sind notwendig, um technischen Fortschritt und Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Das gilt gleichermaßen für neue Technologien als auch für klassische Fördertechniken, wie die EHB-Anlagen. Durch die marktreife Entwicklung der induktiven Energie- und Datenübertragung hat die EHB ihr Einsatzfeld erweitert. Zudem machen die Robustheit und der geringe Wartungsaufwand diese Technik so attraktiv. Die Verringerung der Wartungskosten stellt auch bei der klassischen Stromschiene den Entwicklungsschwerpunkt der Hersteller dar. Zurzeit zeigt sich der Trend, dass beide Techniken, sowohl berührungslos als auch Stromschiene, ihre Anwendungsfelder finden.
Als ein unentbehrliches Element des automatisierten Materialflusses sind EHB-Anlagen aus der Materialflussplanung nicht mehr wegzudenken. Durch ihre flurfreie Anordnung und die automatisierte Ansteuerung der einzelnen Fahrzeuge ist die EHB eine flexible, effiziente und zukunftsträchtige Technik. n