Mitarbeiterfluktuation, hohe Lohnkosten, Schwierigkeiten in der Abstimmung mit der Personalvertretung, fehlende Facharbeiter oder bedienerabhängige Qualitätseinbußen treiben den Wunsch nach automatisierten Materialfluss- und Logistiksystemen voran. Kein Wunder, dass bei vielen neuen Logistikprojekten Automatisierung zur obersten Maxime wird. Doch selten wird bewusst, dass mit einer solchen Vorgabe kein Ziel, sondern ein Lösungsansatz formuliert wurde, der die Sicht auf andere Alternativen drastisch einengt.
Ein automatisiertes Materialflusssystem eröffnet sicherlich neue Chancen, beinhaltet aber auch Risiken, zu denen vor allem auch der Aspekt der Abhängigkeit zählt. Das betrifft die Technik, das IT-Konzept in Software und Hardware, den Lieferanten der Anlage, die Abhängigkeit von Schlüsselkunden oder von Know-how-Trägern. Und nicht selten werden Abhängigkeiten von Dritten bewusst oder unbewusst „gestaltet“.
Bei hochgradig automatisierten Systemen entstehen regelrechte „Abhängigkeitsketten“. Die Folge ist, dass der Betreiber nicht ohne die massive – sprich „teure“ – Hilfe von Dritten den Betrieb seiner Anlage für die Zukunft sichern kann. Für den ursprünglichen Systemlieferanten keine unangenehme Konstellation, denn der Wettbewerb ist ausgeschaltet. Man hat ein „Monopol“.
Dazu ein exemplarisches Beispiel aus der Praxis. Die knapp vier Jahre alte EDV-Hardware einer Anlage wird vom Hersteller nicht mehr mit Ersatzteilen unterstützt. Auf einer neuen Hardware läuft aber das alte Betriebssystem nicht mehr. Eine neue Hardware mit einem neuen Betriebssystem macht ein Update der Datenbank erforderlich. Diese Konstellation hat zur Folge, dass das individuell für die Anlage entwickelte Leitsystem neu zu programmieren ist und der Aufwand hierfür ist im hohen sechsstelligen Euro-Bereich angesiedelt. Das Ergebnis ist aber nicht etwa eine Leistungssteigerung, sondern lediglich die Sicherung des Service für die Zukunft. Der Betreiber sitzt in der „Abhängigkeitsfalle“.
Eine derartige Abhängigkeit vom Systemlieferanten ist aber nicht nur teuer, sie kann auch verhängnisvoll werden. Vielleicht ist der heute noch eigenständige Liefe-
rant bereits morgen – bestenfalls – vom Wettbewerb integriert oder – schlimmstenfalls – ohne Nachfolge gar nicht mehr existent. Es ist also ratsam, diese Szenarien im Rahmen einer Risikobetrachtung bei der Konzeptfindung und Lieferantenauswahl zu berücksichtigen.
Zunehmend müssen Betreiber erfahren, dass man sich auf langfristig angelegte Partnerschaften zwischen Systemlieferanten und den Anlagenbetreibern nicht mehr verlassen kann. Und dabei ist bei der Auswahl eines Systemlieferanten gerade die in Aussicht gestellte langfristige Zusammenarbeit mit einer stetigen Fortentwicklung ein entscheidendes Argument – oder war es zumindest. Die aktuellen Erfahrungen zeigen nämlich, dass der Betreiber bei der Vergabe von Folgeaufträgen mittel- und langfristig eine schwere Enttäuschung erleben kann, wenn sich der Lieferant zurückgezogen oder neue Schwerpunkte gesetzt hat.
Die Abhängigkeit vom Lieferanten steigt zwangsläufig mit zunehmendem Automatisierungsgrad, vor allem dann, wenn der Betreiber aus wirtschaftlichen Gründen keine eigenständigen Kompetenzen aufbauen kann. Das muss unbedingt vor der Festlegung der Automatisierung abgeklärt und in den Entscheidungsvorlagen berücksichtigt werden.
Generell darf Automatisierung auch nicht mit Komplexität gleichgesetzt werden. Und wenn eine Anlage mit einer hohen Komplexität als Referenz herausgestellt wird, dann heißt das schlicht und ergreifend, dass man es nicht geschafft hat, eine automatisierte Anlage „einfach“ – also begreifbar – zu machen. Komplexität ist in keinem Fall ein Qualitätsmerkmal. Vielmehr werden durch komplexe Strukturen die Eingriffs- und Steuermöglichkeiten des Anlagenbetreibers eingeschränkt. Diese Abhängigkeiten können soweit gehen, dass der Betreiber zur Beurteilung der Qualität des Anlagenbetriebes auf die Unterstützung des Systemlieferanten angewiesen ist.
Um solchen Abhängigkeiten vorzubeugen, oder sie so gering wie möglich zu halten, muss der Auftraggeber von Anfang an das Projekt aktiv und kritisch begleiten. Dabei ist natürlich das notwendige Augenmaß für praktikable, machbare und akzeptable Lösungen grundlegend. Allerdings darf sich der Auftraggeber bei dieser Begleitung aber nicht nur mit dem Einfachen zufrieden geben. Und es muss stets klargestellt sein, dass der Auftraggeber als Beteiligter sich nicht zum Verantwortlichen machen lassen darf.
Kreativität und Querdenken ist gefragt, um im Wettbewerb durch ein automatisiertes Konzept den notwendigen Vorsprung zu gewinnen. Im Zeitalter der Standardisierung, der Plattformstrategie und der lieferantenübergreifenden Kooperation wird dieser Weg leider nur noch selten gegangen. Einmaligkeit als Merkmal ist nur noch selten gefragt. Häufig wird auch völlig vergessen, dass der Innovationsimpuls vom Betreiber ausgehen muss.
Die Automatisierungsfähigkeit von logistischen Prozessen ist facettenreich. Sie kann unter den Gesichtspunkten der Aufgabe, des Sortimentes und der Ressourcen beurteilt werden. Eine der wesentlichen Fragestellungen ist dabei, inwieweit man die Voraussetzungen für die Automatisierung im eigenen Unternehmen bereitstellen kann, oder ob man auf den Kunden oder Lieferanten angewiesen ist. Insbesondere im Dienstleistungsbereich und in der Distribution sind hierzu umfassende Vorarbeiten erforderlich. Das beste Automatisierungskonzept ist hinfällig, wenn der maßgebliche Kunde unverhofft oder häufig neue Forderungen stellt oder die Rahmenbedingungen verändert, wie zum Beispiel eine Reduzierung der Kartonqualität oder Einführung neuartiger Verpackungen.
Je stärker ein Unternehmen in ein logistisches Netzwerk zwischen Lieferanten und Kunden eingebunden ist, desto größere Aufmerksamkeit ist dem Einfluss unternehmensexterner Entscheidungen zuzuordnen. Denn Automatisierung heißt auch Einschränkung hinsichtlich der Flexibilität. Alle nicht vorgedachten Abläufe sind im Rahmen der Automatisierung später nicht mehr wirtschaftlich realisierbar. Automatisierung erfordert von allen Beteiligten ein weitreichendes Vordenken.
Die Realisierung von automatisierten Logistiksystemen zwingt zum Erfolg, denn die Investition muss sich auszahlen, und es wird keine zweite Chance geben.