Schaltschrankbau klingt im ersten Augenblick eher unspektakulär. Doch was
dahinter steckt, will man heute international auf diesem Sektor eine tragende Rolle spielen, erfuhr K&E im Gespräch mit Rittal-Geschäftsführer Dr. Thomas Steffen.
Auf 945 m² Ausstellungsfläche zeigte Rittal seine Kompetenz als Systemlieferant auf der SPS/IPC/Drives 09. Gehäusetechnik, Stromverteilung, System-Klimatisierung und IT-Infrastruktur waren in einem zentralen Exponat vereint, um die Kompetenz in den Märkten Industrie, Gebäudetechnik, Automation und IT zu demonstrieren. Der Stand war zum Bersten voll und an ein ausführliches Interview mit Geschäftsführer Dr.-Ing. Thomas Steffen, der die Leitung von Forschung & Entwicklung, Qualitätsmanagement und Service innehat, nicht zu denken. Somit blieben lediglich ein paar Minuten …
W Herr Dr. Steffen, Sie verantworten unter anderem den Bereich Entwicklung. Worin liegen hier die USPs gegenüber anderen Herstellern von Schaltschränken?
Dr. Thomas Steffen: Um erfolgreich im Markt zu agieren, muss man die Sprache des Kunden sprechen und wichtige Trends frühzeitig erfassen. Der Dialog ist also ein ganz wesentlicher Punkt, um Anforderungen wie Flexibilität, einfache und schnelle Montage, geringe Lagerhaltung, schnelle Verfügbarkeit und Qualität gezielt umsetzen zu können. Rittal bietet daher eine große Bandbreite von Produkten rund um den Schaltschrank – angefangen von der System-Klimatisierung über die Stromverteilung und -absicherung bis hin zum Engineering. Basis der Systemarchitektur ist die Schaltschrank- und IT-Rack Systemplattform TS 8 mit ihrem umfassenden Zubehörbaukasten.
W Auf der SPS zeigen Sie Systemlösungen unter dem Motto ,Schneller, besser, überall'. Können Sie den Slogan für uns auflösen?
Die Produkte und Systeme von Rittal ermöglichen eine schnelle und einfache Montage, die mit Planungstools, Online-Konfiguratoren und kostenlosen 3D-Daten unterstützt wird. Bei uns erhält der Kunde alle Lösungen aus einer Hand. Also ein optimales Zusammenspiel von Produktplattform, Engineering und Service – alles mit zertifizierter Qualität und nachweisbarer Effizienz, beispielsweise bei der Kühltechnik. Und dass dieses Unternehmen überall zu finden ist, zeigt unser weltweiter Service mit über 60 Tochtergesellschaften, 250 globalen Servicepartnern und internationalen Approbationen.
W Mit welchen Methoden gehen Sie an die Entwicklung von Systemlösungen heran?
Das Produktportfolio von Rittal ist organisch gewachsen. Wir haben als erstes Unternehmen Schaltschränke in Serie produziert. Als immer mehr Elektronik integriert wurde, begannen wir, uns mit System-Klimatisierung und Stromverteilung zu beschäftigen. Diese Erfahrungen wurden dann auf den IT-Bereich übertragen. Unser Ziel ist ein möglichst breites Portfolio aufeinander abgestimmter Lösungen rund um den Schaltschrank aus einer Hand. Aus diesem Grund hat Rittal vor kurzem die Tochterunternehmen Lampertz und Litcos integriert. Darüber hinaus haben wir ein Branchenmanagement eingeführt, das sowohl etablierte Bereiche als auch Zukunftsmärkte gezielt ins Auge fasst.
W Wird bei Ihnen interdisziplinär entwickelt, oder ist das rein der Technikabteilung vorbehalten?
Der Bereich F&E hat bei Rittal zwar die Federführung, aber erfolgreich wird man nicht nur mit neuen Erfindungen. Bestehende Produkte, Marketingkonzepte und der Service müssen stets überprüft und gegebenenfalls verbessert werden. Deshalb gehen wir mit so genannten Innovationsteams neue Wege − innerhalb der Friedhelm Loh Group auch übergreifend. So wurden beispielsweise Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen von ihrer eigentlichen Tätigkeit freigestellt, um in zwei Projektteams die bestehenden Technologien auf Zukunftsfähigkeit und echten Kundennutzen zu überprüfen. Natürlich geht es hierbei auch darum, einzelne Themen aus einer neuen Perspektive zu betrachten und weiter zu optimieren.
W Modularität, Flexibilität, Sicherheit, das klingt nach hohem Logistikaufwand und erfordert eine straffe Organisation. Wie läuft dies in Ihrem Hause ab − von der Kundenanfrage bis zur Lieferung /Montage?
Hier gibt es je nach Anforderung mehrere Wege zum Ziel: Wer genau weiß was er benötigt, eher kleine Mengen anschafft und keine individuellen Wünsche hat, geht zum Großhandel oder bestellt über unseren Online-Shop. Aufgrund unseres großen Produktportfolios − unser Handbuch hat mehr als 1.300 Seiten − möchten viele Kunden aber auch weitergehende Informationen. Dies übernimmt unser Außendienst. Seit kurzem gibt es auch speziell geschulte Systemberater, die gerade bei größeren Anlagen Effizienzpotenziale aufdecken. Typische Projektgeschäfte hingegen kommen meist aus dem IT-Bereich, beispielsweise wenn es um den Bau von Rechenzentren geht. Hier beraten wir die Kunden von Anfang an, koordinieren die einzelnen Gewerke und liefern die Produkte. Dank der Integration von Lampertz und Litcos sind alle Leistungen aufeinander abgestimmt; angefangen von der ersten Standortbewertung über die Hardware bis hin zum Service − und das weltweit.
W Wie sieht Ihre Entwicklungsstrategie aus und wo liegen momentan die Schwerpunkte?
Unser Auftritt auf der SPS/IPC/Drives, aber auch auf den Frühjahrsmessen CeBIT, Light+Building sowie Hannover Messe steht unter dem Motto ,Rittal – Das System'. Hier setzt auch unsere Entwicklungsstrategie an. In Zukunft ist es unser Ziel, die Systemintegration weiter zu verbessern. Derzeit erarbeiten wir modulare Entwicklungskonzepte für alle Produktgruppen. Im Mittelpunkt stehen dabei Schaltschränke und Gehäuse, die System-Klimatisierung und die IT-Infrastruktur. Individuelle Konfigurierbarkeit der Produkte spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Natürlich setzen wir auch Innovationsprojekte beispielsweise im Bereich der Brennstoffzellentechnik fort. Großes Interesse − sogar aus Ländern wie China oder Australien − erfahren momentan unsere Aktivitäten im Tunnel und Bergbau. Mit RiGuard entwickeln wir für diese Branchen ein echtzeitfähiges Lokalisierungs- und Trackingsystem, das Personen und Gegenstände auf ein bis zwei Meter genau lokalisieren kann.
W Ein Großteil Ihrer Kunden konzipiert ihre Anlagen komplett selbst. Ihr Unternehmen unterstützt sie dabei mittels Software als Engineering-Lösungen. Wie sieht dies aus?
Als Basis für ein effizientes Engineering der Mechanik bietet Rittal eine umfassende CAD-Bauteilebibliothek. So lässt sich mit der Bauteilebibliothek RiCAD 3D über die Vernetzung mit etablierten CAD-Systemen der Aufwand für Planung, Konstruktion und Fertigung von Schaltschränken deutlich minimieren. Zusätzlich stehen dem Kunden alle 3D-Modelle in Eplan Cabinet zur Verfügung. Damit können die elektrische Planung und der mechanische Ausbau eines Schaltschrankes in einem integrierten Workflow zusammengeführt werden. Ähnlich ist es in der Stromverteilung. Mit der verbesserten Planungssoftware Power Engineering 4.1 können Anlagenbauer Niederspannungs-Stromverteilungen und Schaltanlagen einfach und schnell aus einem Baukasten-System konfigurieren. Um die genannten Vorteile umsetzen zu können, haben wir die ehemals eigenständigen Engineering-Werkzeuge mit Eplan Cabinet und dem Eplan Engineering Center zu einer Gesamtlösung vernetzt. Dieses Center ist wie eine Art ,Steuerzentrale'. Sie schlägt eine Brücke zwischen Mechanik, Elektrotechnik, Steuerungstechnik und Dokumentation.
W Zu Ihren Klimageräten. Mit der Cool-Efficency-Geräteserie haben Sie kompakte Abmessungen mit hoher Energieeffizienz kombiniert. Was steckt technologisch dahinter?
Die neuen Cool Efficiency-Kühlgeräte von Rittal verbrauchen im Vergleich zu Standardgeräten bis zu 45 % weniger Energie. Diese Einsparungen wurden mit neuen Kältekompressor- und Lüftertechnologien sowie einer optimierten Anordnung von Wärmetauscher-Komponenten und Kältemittelfüllmengen erzielt. Darüber hinaus verfügen diese Kühlgeräte serienmäßig über nanobeschichtete Verflüssiger und integrierte elektrische Kondensatverdunstungen − das gewährleistet konstante Wirkungsgrade und minimale Wartungskosten.
W Kommunikationstechnik, Hard- und Software wachsen zusammen. Alles wird kleiner und intelligenter. Wie wirkt sich dieser Trend auf Ihre Produktentwicklung aus?
Wie effizient ein Zusammenwachsen von Hard- und Software sein kann, zeigt die neu entwickelte Software RiZone. Sie kontrolliert und steuert nicht nur die gesamte IT-Infrastruktur über unser sensorbasiertes Überwachungssystem CMC-TC, sondern bindet über Schnittstellen zusätzlich Server und Gebäudeleittechnik ein. Und dass man 100 Watt Kühlleistung auch mit einem Bauvolumen von nur 125 x 155 x 400 mm (BxHxT) und einem Gewicht unter 3 kg realisieren kann, zeigen unsere Thermoelectric Cooler. Dank moderner Peltiertechnik wird bei gleicher Kühlleistung eine Effizienz erreicht, die bis zu 100 Prozent größer ist als die herkömmlicher Geräte in der Branche.
W Plug and play, Einfachheit, um zwei weitere Trends anzusprechen, gilt es in Zukunft zu bedienen. Wird es irgendwann die komplett vorkonfektionierte Gesamtlösung von Rittal geben − in die Halle stellen, anschließen und loslegen?
Die gibt es ja bereits! Unser modulares Ri4Power-System ermöglicht aufgrund der durchgängigen Lösung einen schnellen und einfachen Aufbau von Niederspannungs-Schaltanlagen. Und seit September steht dem Anwender mit Ri4Power Form 1-4 eine Systemtechnik zur Verfügung, in die sich Leistungsschalter von acht Herstellern integrieren lassen − ebenfalls schnell und einfach. Ähnlich ist es mit dem modularen System RimatriX5 − eine Komplettlösung für energieeffiziente, sichere und hochverfügbare Rechenzentren. Die Effizienz wird hier mit intelligenten Lösungen im Bereich Stromversorgung, Klimatisierung und Überwachung erzielt. So erreicht die dreiphasige USV PMC beispielsweise einen Wirkungsgrad von bis zu 95 Prozent.W