Warme Sommerluft empfing die Gäste an der Kieler Förde. Das Messtechnik-Unternehmen HBM hatte zur Pressekonferenz anlässlich des 60jährigen Bestehens auf die Barkasse Sprott und anschließend auf den Hightech-Trimaran Hydroptère geladen.
Seit 60 Jahren ist HBM (Hottinger Baldwin Messtechnik) ein Begriff in der Messwelt. Beginnend mit den Messverstärkern und Dehnungsmessstreifen (DMS) bis hin zu Piezo-Sensoren hat sich das Unternehmen stets nach vorne orientiert. Auf der Barkasse Sprott in der Kieler Förde erläutert Director of Sales Europe, Gert Gommola, den Werdegang des Unternehmens und seiner Technik: „Wir als HBM sind seit dem Jahr 2000 Teil der Spectris plc., der insgesamt 13 Unternehmen angehören. Unsere Neueerwerbungen 2008 waren die Firmen nCode (Softwarebasierte Bauteile-Lebensdauersimulation), SoMat (extrem robuste Messtechnik für härteste Einsatzfälle) und Genesis Highspeed (Ultra-Highspeed-Anwendungen). Damit können wir auch in der Ultra-Highspeed-Messung Produkte anbieten. HBM kann im hohen Maße eigenständig und autonom operieren. Unser Kundenfokus liegt auf der Materialanalyse, der In-Line-Instrumentation, der Prozessüberwachung sowie dem Test- und Messbereich. Übrigens gehört auch die Firma Brüel & Kjaer Sound and Vibration zum Spectris-Unternehmensverbund und deckt den Bereich der Geräusch- und Vibrationsmessungen ab.“ Natürlich sprach Gert Gommola auch das schwere Jahr 2009 an, sieht aber wieder erste positive Anzeichen der Erholung: „Die Ergebnisse von 2008 werden wir aber frühestens wieder in ein bis zwei Jahren erreichen.“ Mit 1.500 Mitarbeitern, 7 Entwicklungsstätten mit 140 Entwicklern, 26 Vertriebs- und Servicestandorten sowie Präsenzen in über 50 Ländern ist HBM für die weltweiten Anforderungen an ein Messtechnikunternehmen hervorragend aufgestellt.
Der fliegende Holländer ist ein Franzose
Für die angereisten Fachjournalisten, hat sich HBM etwas besonderes ausgedacht: Ein Trimaran, eine Segeljacht mit drei Rümpfen, sollte den Einsatz von HBM-Messtechnik unter härtesten Bedingungen veranschaulichen.Zur Kieler Woche, dem größten internationalen Seglertreffen, das ab dem nächsten Tage stattfinden sollte, war auch der Trimaran Hydroptère aus Frankreich angereist. Die gesamte Messtechnik des Rekordsegelbootes (Geschwindigkeitsrekord über 500 m mit 51,36 Knoten = 95 km/h) stammt von den Experten für Sensorik, Datenerfassungssoft- und -hardware sowie Analyse & Datenverarbeitng, Simulation und Vorhersage. Und genau um die Themen Datenerfassung- und Analyse geht es der Crew des Trimarans, der ab einer Geschwindigkeit von 12-14 Knoten aus dem Wasser steigt und nur noch auf den drei Tragflächen dahingleitet und für viele Bauteile des Seglers gab es bisher weder die Materialien, noch die Erfahrung in der Konstruktion, diese zu einem funktionierenden Ganzen zu fügen.
Mitfliegen mit Lerneffekt
Neben der Besichtigung des französischen Trimarans ‚Hydroptère‘ nutzte K&E die Möglichkeit eines Segeltörns auf der Rekordsegelyacht, die konstruktiv in vielerlei Hinsicht absolutes Neuland betritt. So die Tragflächen, die mittels Flugzeug-Fahrgestelltechnik von Airbus an den Auslegern angeflanscht sind und bis zu 45 Tonnen Wasserdruck standhalten können. Diese Tragflächen und eine weitere Tragfläche im Heck des Mittelrumpfes sorgen für den Auftrieb, dürfen jedoch selbst keine Wasserturbulenzen erzeugen. Alle Komponenten des Trimarans wurden zudem auf die Reduzierung des Luftwiderstandes hin optimiert und im Windkanal getestet. Allein der Mast wurde aufgrund der verwendeten Hightech-Materialien, wie Kohlefaser oder Titan für die Aufhängung, rund 400.000 Euro teuer. Überschattet wurden die Geschwindigkeitsrekordversuche der Hydroptère für die 500-m-Distanz auch von Rückschlägen. So der Unfall im Dezember 2008, als die Segelyacht mit 113 km/h kenterte und erheblich beschädigt wurde. Glück im Unglück hatten die Besatzungsmitglieder, die nur leicht verletzt wurden.
Analytisch zur Hydroptère maxi
Die fliegenden Franzosen, mit Ihrem Kapitän Alain Théabault, verlassen sich voll und ganz auf die Messtechnik von HBM − vom Dehnungsmessstreifen bis zum Messverstärker. Damien Colgraven, der Materialspezialist an Bord, ist überzeugt von der HBM-Messtechnik: „Erst mit den von den Dehnungsmessstreifen übermittelten Daten konnten überhaupt die wichtigsten Teile des Bootes kalkuliert und konstruiert werden.“ Hydroptère ist ein Prototyp und steckt voller Messtechnik. So liefern 32-DMS-Vollbrücken ihre Messwerte von den höchstbelasteten Stellen des Bootes an die digiClip-Messverstärker, die untereinander via Can-Bus-Schnittstelle kommunizieren. Von dort gehen die Werte an den Datenerfassungsrechner und werden dort in Echtzeit gespeichert und haben direkten Online-Einfluss auf die Schiffsteuerung. „So können wir voll am Limit segeln.“ Seit 2004, also seit sechs Jahren, versieht die Messtechnik von HBM nun schon ihren Dienst. Hohe Geschwindigkeiten, Salzwasser oder starke Vibrationen konnten der robusten HBM-Messtechnik bisher nichts anhaben. Nach der Kieler Woche werden die Franzosen mit ihrem ‚fliegenden Messlabor‘ zurück nach Marseille im Mittelmeer segeln und auf der Fahrt vor allem Messwerte sammeln und auswerten. „Wir planen ein noch viel größeres Boot zu bauen, die Hydroptère maxi, ein Katamaran, der mit insgesamt 4 Tragflächen ausgestattet werden soll und eine Grundfläche von 30x30 Metern haben wird“, verrät der französische Bordingenieur. Das neue Boot soll hochseetüchtig und schnell bei geringem sowie pfeilschnell bei starkem Wind sein. Nicht der kurze Spitzengeschwindigkeitsweltrekord ist im Visier der französischen Pioniere, sondern die Langstreckenrekorde wollen sie brechen. Übrigens, die Fotoreportage von Bord der Hydroptère liefert K&E in Ausgabe 9/2010 − so faszinierend kann Messtechnik sein. W