Das passt: In Grüsch, 30 km vor Davos, bezieht die Schweizer Zentrale der Wittenstein AG dieser Tage ihr eigenes, neues 12-Mio.-Euro-Werk. Hausherrin Dr. Anna-Katharina Wittenstein verrät in K&E ihre Ziele und erste Details der dort gefertigten, einmaligen torqXis-Sensorsysteme.
W Frau Dr. Wittenstein, am 5.3.2009 war Spatenstich für Ihr neues Werk in Grüsch. Welche strategischen Ziele verbindet die Wittenstein AG mit der 12-Mio.-Euro-Investition?
Wir treiben unsere Internationalisierungsstrategie weiter voran. Grüsch ist dabei ein wichtiger und absolut attraktiver Standort – vor allem wegen des Innovations- und Gründerzentrums, das nur rund 100 Meter entfernt im Werk von Trumpf (Red.: Weltmarktführer für Blechbearbeitungsmaschinen, Zentrale in Ditzingen) integriert ist. Dort hatten übrigens auch wir unsere Vertriebszentrale samt kleiner Fertigung für die Schweiz installiert.
W Sie haben dort produziert?
Bereits seit 2002 produzieren wir in Grüsch Baugruppen für die Medizintechnik und die Luft- und Raumfahrt, sowie seit 2008 unser neuartiges Sensorsystem torqXis.
W Wittenstein verfügt mittlerweile über sieben Geschäftsfelder. Unter welcher Fahne soll das Werk Grüsch segeln?
Wir werden hier das Kompetenzzentrum für unsere ‚Sensortechnik im Antriebsstrang’ installieren – und außerdem eine Fertigung für Verzahnungskomponenten einrichten. Im Wesentlichen bedienen wir in Zukunft aus Grüsch unsere industriellen Kunden, sowie weiterhin die Luftfahrt-Simulatortechnik.
W Und was kann Ihr Sensorsystem schon besser als vergleichbare Wettbewerbsprodukte?
Das Vergleichbar ist eben der springende Punkt. Unser torqXis-Sensorsystem ist nicht vergleichbar, weil ihm ein ganz neuer Ansatz zu Grunde liegt: Unsere Sensortechnologie steckt in der Antriebsachse zwischen Applikation und Antriebskomponente, also Motor oder Getriebe. Der große Vorteil unseres modularen Sensorsystems ist, dass Sie damit Drehmoment, Querkraft und Temperatur direkt am Abtrieb messen können.
W Klingt aufwändig, wie der Name.
Ist aber beides nicht. Die Herleitung des Wortes torqXis stammt vom englischen: ‚torque‘ für Drehmoment; das ‚X‘ repräsentiert die senkrecht aufeinanderstehenden Querkräfte und bildet mit dem ‚is‘ lautmalerisch das englische Wort für Achse: axis. Und die Temperatur findet man auch wieder im Buchstaben ‚t‘. Und dieses kombinierte Kraft-/Drehmomentmesssystem lässt sich einfach und preiswert in den Antriebsstrang integrieren. Drehmoment, Temperatur und X- und Y-Querkräfte können gleichzeitig in Echtzeit erfasst werden und mit gängigen Bussystemen und Schnittstellen aus der Auswerteelektronik ausgelesen werden.
W Wie kamen Sie auf die Idee?
Wir haben erkannt, dass ein Getriebe oder Motorflansch dem Prozess am nächsten ist. Darüber laufen sämtliche mechanische und thermische Belastungen sowie die Auswirkungen von Abnutzung in der Applikation. Wenn Sie dort nun unsere intelligente Sensorik einsetzen, erhalten Sie Prozessdaten in einer neuen Dimension – eben absolut prozessnah, statt irgendwo irgendwelche Messaufnehmer zu positionieren.
W Wie sieht das konkret in der Praxis aus?
Ein großer Einsatzbereich im Speziellen für torqXis ist zum einen die Prozessregelung kraftgesteuerter Extruder zur präzisen Dosierung, die Vorschubsteuerung und Werkzeugüberwachung in Werkzeugmaschinen, sensitive Robotik oder kraftgesteuerte Pressvorgänge. Systemüberwachung ist das zweite große Thema: Früherkennung von Crashs oder Restlebensdauer-Prognose. Spannend ist auch der Einsatz als Messsystem, quasi als ‚Mechanical Debugger’ bei der Auslegung von Antrieben.
W Warum? Wegen der Präzision?
Weil wir in erster Linie mit unserem Konzept die systembedingte Trägheit und den Verzug im Antrieb eliminieren. Darüber hinaus ist das Produkt einfach in eine bestehende Antriebsachse zu integrieren. Aufwändige Umbauten entfallen. Mit den so unter realen Bedingungen erzielbaren Messergebnissen schaffen wir zwar keine Forschungsumgebung, aber unsere Messwerte sind viel genauer als die momentan durch die übliche Messung des Motorstroms realisierbaren Ergebnisse. Wir sind die einzigen, die gleichzeitig Drehmoment, Querkraft und Temperatur ohne aufwändige Messeinbauten direkt am Abtrieb messen können. Das modulare Sensorsystem ist mit seiner Kompaktheit, der Integration von Mechanik, Elektronik und Software übrigens ein schönes Beispiel für unsere Mini-Strategie.
W Mini-Strategie? Was steckt da dahinter?
M-I-N-I – diese Initialen stehen für Miniaturisierung, Netzwerke, Intelligenz, Integration. Das sind unsere vier Säulen, auf deren Basis wir bei der Wittenstein-Gruppe unsere Produkte weiterentwickeln, noch belastbarer machen, zuverlässiger, aber auch ressourcenschonender. Und das ist nötig, weil wir unsere Märkte nicht im Massengeschäft sehen, sondern höchste Anforderungen bedienen in der Tiefsee, im Weltraum oder eben auch am menschlichen Herzen.
W Gibt es weitere Paradeanwendungen für diese digitalisierte Mechanik?
Nehmen Sie das Beispiel Luftfahrttechnik. Dort ist die Sensortechnik stark im Kommen. Wir drehen dort das Prinzip des Getriebes um. Wir messen beispielsweise den Pedaldruck, machen daraus ein digitales Signal und erzeugen durch eingebaute Motoren eine entsprechende Gegenkraft, die bereits in vielen Flugsimulatoren für realistische Rückmeldungen beim Piloten und beinahe reale Flugbedingungen im Training sorgen. Und noch mehr: Bei diesem mechatronischen Paradebeispiel können Sie ja nach Bedarf und Belieben die Ausgangsgrößen kombinieren und verstärken. Die Möglichkeiten sind da grenzenlos. Das wäre früher rein mechanisch über Seilzüge, Nocken- oder Kurvenscheiben nur äußerst komplex zu handeln gewesen. Dafür eignet sich unser Sensorsystem perfekt.
W Und wie sieht es mit der Elektromobilität aus?
Ja, da sind unsere Schwesterfirmen Wittenstein cyber motor GmbH und Wittenstein electronics GmbH dran mit Motoren und Steuerungen. Wir sind oft erste Wahl in der Prototypenphase. Auf der bevorstehenden HMI 2010 mit ihrer neuen Leitmesse MobiliTec wird die Wittenstein AG erstmals in dieser Zukunftsbranche Präsenz zeigen. Mehr wird an dieser Stelle aber noch nicht verraten.
W Dann ist F&E sicherlich ein heißes Eisen, dass in der Nähe der Fertigung auf Temperatur gehalten werden sollte. Werden Sie auch in Grüsch entwickeln?
Genau damit haben wir ja hier vor bald 4 Jahren gestartet. Wir werden von hier aus das Thema Sensorik im Antrieb weiter ausbauen und weitere Produkte entwickeln, die es unseren Kunden ermöglichen, mehr über ihre Maschinen im Betrieb zu erfahren und diese damit noch effizienter und zuverlässiger zu betreiben.
W Mit wie vielen Mitarbeitern planen Sie Ihr Werk?
In der Startphase sind wir rund 20. In der Endausbaustufe kalkulieren wir auf diesen 3.000 m2 Büro- und Fertigungsfläche mit rund 80 Fachkräften.
W Expansion ist also nicht nur mit den umliegenden Wiesen schon einkalkuliert. Woher nehmen Sie aber die Fachkräfte?
Die Schweiz hat ähnlich wie Deutschland generell überdurchschnittlich viele und gut ausgebildete Fachkräfte. Mit solchen Leuten können Sie ohne lange Anlaufzeiten sofort loslegen. Für den langfristigen Bedarf hilft uns aber auch die Region, die zwar vor allem vom Tourismus lebt, aber deshalb auch bei Bewerbern mit attraktiven Lebensbedingungen punkten kann. Außerdem sind die lokalen Regierungsvertreter daran interessiert, auch das industrielle Standbein der Region weiter zu stärken. Dementsprechend ist die Indus-triepolitik.
W Auf der letzten Hannover Messe lautete das Wittenstein-Messemotto „Technik wird weiblich“. Wie hoch wird hier in Grüsch die Frauenquote sein?
Mit circa 30 % in etwa so hoch wie in der deutschen Firmenzentrale in Igersheim-Harthausen. Aber ehrlich gesagt plane ich keine Quote, sondern achte einfach darauf, gute Mitarbeiter im ausgewogenen Verhältnis von Qualifikation, Erfahrung und eben einer guten Mischung von Männern und Frauen einzustellen.
W Der Frauenanteil beschränkt sich dann aber nicht nur auf die Verwaltung?
Nein. Gerade in der Sensorfertigung sind Fähigkeiten wie z.B. das filigrane Arbeiten gefragt. Die männlichen Kollegen bewundern da die Geduld und Genauigkeit unserer Mitarbeiterinnen. Unsere ‚Technik wird weiblich’- Strategie hat aber einen weiteren Hintergrund: Es ist die Technik selbst, die ‚weiblicher’ werden soll. Das ist natürlich provozierend formuliert. Wir wollen damit jedoch zeigen, dass Technik attraktiver, zugänglicher, ressourcenschonender werden muss. Technische Produkte wollen wir bei Wittenstein so gestalten, dass sie den Anwender noch besser und zuverlässiger unterstützen, damit er sich mit ihrer Hilfe auf seine eigenen Lösungen konzentrieren kann.
W Setzt Ihr Vater in punkto Geschäftserfolg eher auf Ihre ‚weibliche Intuition’ oder auf die ‚wittenstein’schen Gene’?
Ich glaube, nein, ich weiß, er setzt auf Kompetenz. Das war ausschlaggebend. Belege habe ich ihm genug geliefert: mit meinem BWL-Abschluss und dann vor allem mit meiner knapp fünfjährigen Tätigkeit am Fraunhofer IPA sowie meiner ingenieurwissenschaftlichen Promotionsarbeit an der Uni Stuttgart.
W Welche Ziele verfolgen Sie in Grüsch?
Dieses Werk, diese Aufgabe, das ist schon sehr spannend. Wann hat man schon mal eine solche Möglichkeit, vor allem mit so einem hervorragenden Produkt? Das ist eine einmalige Gelegenheit. Die ersten Ziele sind natürlich, die Investition zum wirtschaftlichen Erfolg führen, speziell die zwei Geschäftsfelder stabil machen. Das ist das Hauptthema, dann schauen wir wieder weiter.
W Was wollen Sie besser oder ganz anders machen als die Kollegen in Igersheim?
Mein Arbeitsgebiet bei Fraunhofer war unter anderem die Schlanke Produktion. Dementsprechend möchte ich hier lean production, lean management, lean office von Anfang an etablieren. Es gilt die Prozesse immer kundenorientierter und effizienter zu gestalten.
W Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Automatisierung der Prozesse?
In der Sensortechnik wird vieles weiterhin nur manuell machbar sein. Die neue Verzahnungstechnik bietet da allerdings weitaus mehr Potenzial. Dort sollten bis zu 95% der Prozesse automatisierbar sein!
W Passt das dann überhaupt zusammen unter ein Dach?
Gegensätze ziehen sich an. Vielleicht deshalb ist Grüsch für beides ein sehr interessanter Standort.
W Wie lautet Ihre Fertigungsphilosophie dazu?
Bei unseren Kernkompetenzen setzen wir generell auf eine sehr hohe Fertigungstiefe. Spätestens wenn die Produkte einmal im Haus sind, sollen sie bis zur Endmontage auch nicht mehr raus gehen – mit allen Konsequenzen, aber auch mit allen Vorteilen.
W Und das wären extrem kurze Durchlaufzeiten?
Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Bis man aber soweit ist, muss man ordentlich investieren. Denn gute Produkte gibt es nur mit Top-Fertigungsprozessen. Die Kernkompetenzen sollten also im Haus sein. Eine schlanke Auftragsabwicklung ist die Basis.
W Basis ist aber bei hochwertigen Antriebskomponenten prozesstechnisch oft ein Härteprozess, der extern richtig Durchlaufzeit kostet. Brauchen Sie den auch?
Da kommen wir nicht drum herum. In der Konsequenz haben wir insbesondere wegen der Durchlaufzeit, aber auch wegen der Qualität eine eigene Härteanlage angeschafft.
W Wann ist Serienstart und mit welcher Durchlaufzeit rechnen Sie bei den Sensor-Systemen?
Die Fertigung für die Sensortechnik wurde bereits Mitte 2009 gestartet, die Verzahnungsfertigung folgt im Oktober 2010. Bei den Sensorsystemen beträgt die reine Produktionsdurchlaufzeit im Endausbau 5 Arbeitstage.W