von Erik Schäfer Was hat die PTC-Software Windchill mit Elektromobilität zu tun? K&E forschte nach. ie können fünf Mann ein Produktionsnetzwerk aus 30 Unternehmen aufbauen, um ein serienreifes Elektroauto zum konkurrenzslos günstigen Preis von nur 5.000 Euro in nur 12 Monaten auf die Reifen zu stellen? Und das bei einem Konzept, das auf eine gleichberechtigte, gemeinsame Spezifizierung der Komponenten basiert? Geht nicht? Geht doch! K&E sprach mit dem Mann, der in diesem Wahnsinnsprojekt die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hat - Tobias Reil, vom RWTH-Spin-off Streetscooter GmbH. W W Herr Reil, was ist das StreetScooter-Konzept? Tobias Reil: Das Purpose-Design des StreetScooter umfasst eine komplette Neukonstruktion und ermöglicht eine optimale Anordnung der Komponenten, die an die neuen Anforderungen angepasst sind. Den angestrebenPreissprung schafft die StreetScooter GmbH mit Hilfe einer neuartigen Produktionstechnik, die auf einem Baukastensystem basiert, und durch den intelligenten Verzicht auf alles nicht dringend Notwendige - eben zugeschnitten auf die Anforderungen der urbanen Kurzstreckenmobilität. Neben der Modularisierung und Skalierbarkeit wird von Anfang an ein besonderes Augenmerk auf die kostengünstige Produzierbarkeit aller Komponenten und die dazu erforderlichen Produktionstechnologien gelegt. W Wie haben Sie die Partner für dieses Projekt ausgesucht? Wir haben dazu das Fahrzeug in Teilprojekte (Struktur, Exterior, Interior, Batterie, Powertrain, Chassis, …) zerlegt, und hierzu dann die dafür notwendigen Kompetenzen identifiziert. Wichtig hierbei: In jedem Teilprojekt sind Partner für die Technologie, für die Produktion und Institute der RWTH Aachen vertreten; Wir nennen diese Teilprojekte Lead Engineering Groups oder LEG. Jede LEG wird durch einen starken Industriepartner geführt, der entsprechendes Know-how mitbringt und das Teilprojektmanagement der LEG übernimmt. Das zentrale Projektmanagement und die Synchronisation der Teilprojekte sowie alle Gesamtfahrzeugthemen übernimmt das Kernteam der StreetScooter GmbH. W Ihr Lastenheft für beteiligte Unternehmen umfasst maximal nur 15 Seiten. Wie kamen damit Ihre Partner klar? 15 Seiten waren es zu Beginn des Projektes, inzwischen sind es deutlich mehr, es wächst jeden Tag, der Detaillierungsgrad nimmt täglich zu. Aber wir haben bewusst den Lösungsraum offen gehalten, um gemeinsam mit den Partnern die Spezifikationen weiterzuentwickeln. So kann das Know-how der Partner direkt mit einfließen, Kosteninnovationen werden möglich. Zu Beginn des Projektes haben sich die Partner mit diesem offenem Lösungsraum schwer getan, zumindest die Mitarbeiter auf operativer Ebene. Denn das war eine für sie ungewohnte Arbeitsweise. Inzwischen haben wir zusammen mit den Partnern schon die ein oder andere intelligente und kostensparende Lösung entwickelt und die Kreativität der Mitarbeiter hat mit der Zeit deutlich zugenommen. W Welcher softwaretechnischen Instrumente bedienen Sie sich, um das Projekt zu koordinieren? Einer unserer Partner ist PTC, die als strategischer Partner dem Konsortium ihre PLM-Umgebung Windchill zur Verfügung stellt. Neben der zentrale Erfassung aller im Projekt anfallenden Daten (CAD, Office, Requirements, Kosten, …) wird das Konsortium über implementierte Prozesse und Workflows gesteuert. Des Weiteren bedienen wir uns moderner Kommunikationskanäle wie Telefon- und Videokonferenzen. Einmal im Monat kommen die Leiter der LEGs in Aachen für zwei Tage zusammen. Hier werden dann alle Schnittstellenthemen „Face-to-Face" diskutiert und Probleme gelöst. W Die Projektorganisation läuft komplett über Windchill 10.0 von PTC? Momentan noch über Windchill 9.1, im September werden wir aber auf Windchill 10.0 umsteigen. Wir wollen unsere Partner nicht überbeanspruchen. Wir schalten momentan im Monatsturnus neue Funktionen in Windchill scharf und da sollen sich unsere Partner erst einmal an das Arbeiten mit Windchill gewöhnen, bevor sich dann die Maske vollständig ändert, auch wenn wir diesen Schritt sehnlichst begrüßen. W Und die beteiligten Partner arbeiten jeweils mit ihren eigenen Softwares? Richtig, und das ist ja eben auch genau der Vorteil von Windchill. Jeder Partner kann weiter mit seinem etablierten CAD-System arbeiten, die Zusammenführung der Daten erfolgt dann über Windchill. Insgesamt haben wir momentan drei unterschiedliche Systeme im Einsatz: Catia, Pro/E und NX. W Und wie klappt der Datenaustausch in der Praxis? Zu Beginn sehr schleppend. Aber dies lag nicht an Windchill, sondern an unseren Sicherheitsanforderungen. Wir haben ein eigenes VPN-Netz aufgebaut, über das man dann auf Windchill per Webbrowser und denWorkgroupmanager zugreift. Leider war es ein kleiner Kraftakt, alle Unternehmen in unser Netz einzubinden. Danach lief aber alles eigentlich reibungsfrei. Das liegt auch daran, dass wir nicht alle Funktionen von Windchill mit einem Schalg freigeschaltet haben, sondern nach und nach. So haben wir unsere Partner langsam an Windchill herangeführt. W Also jeder Partner konstruiert eine Baugruppe, schickt die 3D-Konstruktionsdaten und Sie setzen daraus das Auto zusammen? Das machen nicht wir, das macht Windchill für uns! Die Daten werden direkt über den so genannten Workgroupmanager gegen das System gespeichert, sobald der Konstrukteur der Meinung ist, die Konstruktionsaufgabe ist abgeschlossen. Dieser Prozess ist allerdings mit einem Freigabeprozess in Windchill gekoppelt (Workflow). W Die virtuelle 3D-Konstruktion wird bei Ihnen virtuell ausgetestet und dann real gebaut? Ja, wobei wir eben nicht nur die reine Konstruktion machen, sondern parallel dazu die vollständige Abbildung der Produktionsprozesse, bis auf Komponentenebenen herunter. W Wie finanziert sich das Projekt? Noch ist das Projekt rein privatwirtschaftlich finanziert. Die Gesellschafter leisten eine jährliche monetäre Einlage in die GmbH. Da jedoch alle Partner über einen F&E-Vertrag mit der StreetScooter GmbH verbunden sind und jeweils Sach- und Dienstleistungen mit in das Projekt einbringen, ist das Gesamtvolumen für die Entwicklung im hohen Millionenbereich. Langfristig werden auch öffentliche Förderungen angestrebt, zuerst musste die StreetScooter GmbH jedoch erst einmal beweisen, dass Sie mit den Partnern in der Lage ist, etwas Glaubwürdiges auf die Beine zu stellen.