von Erik Schäfer Der Dresscode lässig, leger: schwarzer Business-Anzug, weißes Hemd mit geöffnetem Kragenknopf, Dreitagebart. Die Mission: Ressour- censchonung. Sie sparen den Unternehmen Millionen im Jahr. Sie zeigen das Machbare, erlebbar in 3D. Sie sagen dem physischen Modell den Kampf an und sind längst auf der Siegerstraße. Sie sind Ingenieure einer Welt , die optimiert, simuliert und immer wieder verworfen werden kann, ohne dass dafür ein Baum gefällt, ein Hochofen geheizt werden müsste, eine Scheibe Glas, eine Platte Kunststoff oder eine Rolle Garn produziert werden müsste. In der Forschung, der Konstruktion und der Entwicklung und sogar im Marketing: Sie sind die Architekten einer neuen Zeit, in der hemmungslos getestet und optimiert werden kann, bis der Kunde zufrieden, vollkommen überzeugt ist - Optimum fürs Volk. Die Rede ist von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Realtime Technology AG (RTT) aus München. Ihr Chef, Vorstand und RTT Mitgründer Ludwig A. Fuchs, hat zur zweitägigen RTT Excite 2011 in das Haus der Kunst nach München geladen. In einem Seitentrakt des geschichtsträchtigen Musentempels hat er Partner, Kunden und Interessenten versammelt, um ihnen die großen Neuheiten der 3D-Visualisierung näher zu bringen. Seine inzwischen 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigen vom Cloud Computing, über Computer animierte 3D-Filme bis zum 3D-Design in Echtzeit, was derzeit im Bereich der 3D-Visualisierung möglich ist. Der perfekte Schein erscheint dem Betrachter vor Augen und macht ihn zwischen physischer und virtueller Wirklichkeit schwankend. Die fast perfekte Illusion Was ist echt? Welchem Bild kann man noch trauen? Es gilt für die insgesamt wohl über 700 Besucher von der gewohnten, physischen Welt, die uns das Gefühl von echt und wahr vermittelt, umzuschalten in die virtuelle Wirklichkeit. Und die wird von unseren Augen als ebenso real empfunden, als stünden wir in einem Laden von Adidas, einem Vorführraum von Audi, einem Eisenbahnabteil oder einer uns unbekannten Landschaft, durch die Automodelle mit perfekten Lichtspiegelungen durch die Sonne und nächtliche Szenarien brausen. Nur unsere anderen Sinne erinnern uns noch daran, dass die Realität vor unserem Auge eine virtuelle ist. Das physikalische Modell hat ausgedient oder ist zumindest auf einen Nischenplatz gerückt - ob der virtuellen Möglichkeiten, die die RTT-Softwaresuite bietet. Doch nicht von 3D-Visualisierungssoftware allein lebt RTT, wo in etwa 95 Softwareprogrammierer beschäftigt sind. Das Gros des Geschäftes wird mit Filmen generiert. Filme, mit denen beispielsweise alle großen Marketingabteilungen deutscher und ausländischer Automobilhersteller ihren Kunden neue Modelle vorführen, Technik erklären oder einfach die Möglichkeiten aufzeigen, die ein neues Automobil seinem Besitzer bietet. Konfiguratoren, wie sie Kunden auf den Homepages der Automobilhersteller nutzen können, um die Ausstattung, Farbe, Motorisierung etc. des von ihnen ausgewählten Automodells zu bestimmen, basieren - was die Visualisierung betrifft - häufig auf der Softwarelösung von RTT. Viel wichtiger jedoch ist die Nutzung der 3D-Visualisierungs-Software für Produktentwickler und Konstrukteure, die gemeinsam auch über Kontinente hinweg entwickeln, optimieren, simulieren und konstruieren können, ohne dass sie dazu ihren Arbeitsplatz auch nur eine Minute verlassen müssten. Die gemeinsame Datenbasis stellt sicher, dass in Echtzeit alle Änderungen direkt jedem am Projekt Beteiligten zur Verfügung stehen und alle Daten, die aus dem Produkt-Management-Daten (PDM) und den Product-Lifecycle-Management (PLM) kommen, hier integriert sind. RTT und Siemens PLM Zu diesem Zeitpunkt ist die intensive Zusammenarbeit von RTT mit Siemens PLM zu erwähnen, deren Vorteile RTT Vorstand Ludwig A. Fuchs wie folgt erläuterte: „Kollaboration statt lokaler Datenerfassung; eine zentrale, automatisch immer auf dem aktuellen Stand bleibende Datenquelle; mehr Informationen für jeden durch ein fotorealistisches Modell; Push-, statt Pull-Informationen - will heißen, jeder bekommt automatisch und in Echtzeit alle Informationen inklusive der Änderungen. Niemand muss sich die Informationen noch selbst zusammensuchen. Möglich ist dies durch eine Grafik-Bibliothek. CAD- und andere Datenquellen, wie Preis-Simulations- und Fertigungsdaten laufen über die Siemens-Teamcenter-Plattform." Ist das der Beginn einer Übernahme der kleinen 3D Visualisierungs-Spezialisten aus München durch die große Siemens AG? Hierzu erklärt Ludwig A. Fuchs: „Eine Übernahme durch Siemens steht definitiv nicht auf der Agenda. Ich kann von Seiten RTT versichern, dass es keinerlei derartige Überlegungen, Pläne oder gar konkrete Gespräche gibt. Die Zusammenarbeit macht für beide Seiten Sinn. Es ist auf der Produkt- und Technologieseite viel unterwegs. Und unsere Kunden nehmen die Kooperation besser auf als wir das erwarten durften." Währenddessen erläutern Referenten von Kunden und Partnern ihre Anwendungen, erklären Spezialisten auf den Demo-Ständen die Technik, fahren Besucher gefahrlos durch virtuelle Welten oder steuern Software-Anwendungen auf großen Bildschirmen mittels Gestik. Die Welt wird virtueller. Das iPad als Argumentationshilfe ersetzt Zeichenstift und Papier. Der physische Modellbau wird heruntergebrochen auf einige wenige Exemplare, bei denen Haptik, Akustik oder Geruch eine zentrale Rolle spielen - aber vielleicht ist auch das nur noch eine Frage der Zeit?