K&E traf den Pilz-Entwicklungschef Norbert Fröhlich in seiner Wirkungsstätte, dem großen Forschungs & Entwicklungszentrum im Stammsitz des Unternehmens in Ostfildern zum Gespräch über Trends in der sicheren Automation.
Im neuen, großen Pilz-F&E-Zentrum im Stammsitz des Unternehmens in Ostfildern wird großer Wert auf Transparenz gelegt. Helle Büros und Labors, Besprechungs- und Videokonferenzräume zeugen von reger Kommunikation. Doch an welchen Themen arbeiten die Pilz-Ingenieure? Der Chef der Entwicklung, Norbert Fröhlich, gibt Auskunft, wie die Themen Kundennutzen, Maschinenrichtlinie, Gerätekommunikation, oder die zentrale Sicht auf eine dezentrale Automation bei Pilz gehandhabt werden.
W Herr Fröhlich, was macht für Sie den besonderen Reiz Ihrer Tätigkeit aus?
Norbert Fröhlich: Da kann ich einiges aufzählen: Das beginnt mit dem interessanten Produktportfolio von Pilz, das sehr weit gefächert ist. Im Bereich der Automatisierungstechnik bearbeiten wir alle Themenfelder, von der Sensorik über die Steuerungstechnik bis hin zur Aktorik/Antriebstechnik. Dazu kommen die ständige Bearbeitung von neuen Technologiefeldern, eine hervorragende Entwicklungsmannschaft, ein gutes Arbeitsklima und eine sehr gute Kommunikation auch mit unseren Entwicklern für Softwaretools in Irland und nicht zuletzt das Budget, das uns zur Verfügung gestellt wird. Denn wenn Sie noch dazu wissen, dass Pilz rund 20 Prozent seines Umsatzes in die Entwicklung investiert, können Sie sich vorstellen, dass dies alles hervorragende Voraussetzungen für eine interessante Tätigkeit sind.
W Zu aktuellen technischen Entwicklungen: Welches Konzept steckt hinter Ihrem neuen Automatisierungssystem PSS 4000? Geht der Trend bei Pilz hin zur Entwicklung von Maschinensteuerungen?
Maschinensteuerung ist ein sehr weit gefasster Begriff. Der Trend geht dahin, dem Kunden Systemlösungen für verschiedene Applikationen anzubieten, von denen er einen reellen Mehrwert hat. Mit unserer PSS4000 haben wir unseren Kunden die Möglichkeit einer dezentralen Automatisierung geschaffen und gleichzeitig die Komplexität der Handhabung eines solchen Systems stark verringert, indem wir eine zentrale Sicht auf dieses dezentrale System ermöglichen. Von der Programmierung über die Inbetriebnahme, Visualisierung und Diagnose, der Verzahnung von Standard und Sicherheit sowie dem Anspruch nach Energieeffizienz unterstützt PSS 4000 unsere Kunden mit neuen und kreativen Lösungen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen.
W Inwieweit hat die neue Maschinenrichtlinie die Entwicklung der neuen Generation Ihres Sicherheitsschaltgeräte-Klassikers PNOZ beeinflusst?
Unsere Sicherheitsschaltgeräte haben schon in der Vergangenheit die höchsten Sicherheitsstandards erfüllt und trugen die entsprechenden Zulassungskennzeichen, selbst wenn dies nicht bei allen Geräten gefordert war. Wir haben uns sehr frühzeitig mit den neuen Richtlinien und den neuen Normen, wie etwa der EN ISO 13849-1 oder EN/IEC 62061 auseinandergesetzt und sehen diese eher als eine Ergänzung zu den bisherigen Standards. Insofern beeinflusst die neue Maschinenrichtlinie die Entwicklung unserer Sicherheitsschaltgeräte nicht.
W Welche hervorstechenden Vereinfachungstrends beobachten Sie in der Automatisierungstechnik?
Die meisten Trends finden sicher in der Software statt. Dies gilt insbesondere bezüglich der Handhabung der Produkte und Systeme und dient ganz klar dem Kundennutzen.
Als Beispiel dafür will ich nochmals unser neues System PSS 4000 ins Feld führen, an dem ich einige Vereinfachungstrends mit dem entsprechenden Kundennutzen darstellen möchte: So ist es mit PSS 4000 nun möglich die Applikationssoftware zu erstellen und zu testen, ohne eine vorherige Auswahl der Hardware. Das gilt sogar für eine dezentrale Automatisierungslösung. Dazu kommt neben den nach IEC 61131-3 etablierten Programmiersprachen auch eine einfache, graphische Konfiguration, ähnlich wie es unsere Kunden von unserem Steuerungssystem PNOZmulti kennen. Die intelligente Verzahnung von Sicherheit und Standard, d.h. systemweit in einer PLC, einem Programmierungstool und einer Kommunikationsstrecke, das sind schon besondere Merkmale.
W Die reibungslose, sichere Geräte- oder Komponentenkommunikation spielt in den Bereichen Sicherheitstechnik und Steuerung eine entscheidende Rolle. Geht auch hier die Entwicklung in Richtung ‚ohne Draht’?
Ja, der Kommunikations-Backbone, also das Rückgrat des Systems zwischen den Geräten, spielt hier eine entscheidende Rolle. Daher hat Pilz neben den bekannten Systemen schon immer seine eigenen Kommunikationsschnittstellen entwickelt. Denken Sie an SafetyBus p, dem ersten sicheren Bussystem, oder an unser neues Safetynet p, das sichere und nicht sichere Daten sehr effizient über EtherNet übertragen kann. Funk wird künftig ebenfalls eine Rolle spielen. Auch hier hat Pilz ein eigenes System entwickelt – InduraNet p. Es hat bereits in vielen Applikationen bewiesen, dass es auch unter schwierigen Bedingungen und Umgebungen zuverlässig arbeitet.
W Mit welchen technischen Lösungen vereinfachen Sie Ihren Kunden den Weg zu mehr Sicherheit in der Automation?
Wenn wir uns die Maschinenrichtlinie und die neuen Normen ansehen, bestehen oftmals noch große Wissenslücken und Unsicherheiten bei den Anwendern. Deshalb bieten wir unseren Kunden entsprechende Hilfe an, angefangen von Seminaren zur Maschinensicherheit über professionelle Unterstützung bei der Sicherheitsauslegung von Anlagen bist hin zu einer CE-Zertifizierung von Anlagen durch unseren Customer Support oder auch die Nutzung des Safety Calculators PAScal, um den Sicherheitslevel einer Anwendung zu bestimmen.
W Pilz engagiert sich im Verein der Förderer für Mikroelektronik in Stuttgart e.V. und unterstützt hier neben vielen weiteren namhaften Unternehmen besonders den Forschungsbereich der Mikroelektronik. Inwieweit ist Ihre Abteilung hier eingebunden?
Die Entwicklungsabteilung von Pilz pflegt bereits seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Microsysteme in Stuttgart. So ist beispielsweise auch der Kamerachip für unser sicheres 3D-Kameraüberwachungssystem SafetyEye in enger Zusammenarbeit mit dem IMS entstanden. Und weitere Entwicklungen sind bereits auf dem Wege.
W In welchen Zeiträumen spielt sich die Entwicklung eines neuen Produktes ab? Gibt es da einen allgemeingültigen Entwicklungsfahrplan?
Unser Entwicklungsfahrplan ist eine Roadmap, die gemeinsam mit unseren Produktmanagement, dem Customer Support sowie der Geschäftsleitung erarbeitet und verabschiedet wird. Je nach Umfang eines Entwicklungsprojektes bewegt sich der Zeitraum für die Umsetzung von einigen Monaten bis hin zu einigen Jahren. Unser Entwicklungsprozess ist nach IEC 61508 bis SIL3 (Nachweis TÜV-Süd) zugelassen. Um systematische Fehler in der Software zu vermeiden, muss ein geeignetes Vorgehen und entsprechend ausgebildetes Personal nachgewiesen werden. Wir haben einen fünfstufigen Produktentstehungsprozess mit den entsprechenden Qualitätstoren und entwickeln unsere Software nach dem V-Modell (siehe Kasten „Zur Technik“).
W Neue technische Entwicklungen können oftmals nur zusammen mit einem Kunden auf ihre Praxistauglichkeit hin getestet werden. Wie sieht ein solches Verfahren in Ihrem Hause aus, haben Sie ein Beispiel?
Wie bereits gesagt, legen wir sehr viel Wert auf qualitativ hochwertige Produkte, die dem Kunden einen wirklichen Nutzen bringen. Wir beziehen daher die Kunden durchaus bereits in der Produktentstehung mit ein. Schon in der Spezifikationsphase eines Projektes hören wir sehr genau zu, mit welchen Problemen unsere Kunden tagtäglich zu kämpfen haben und verankern entsprechende Lösungen in unseren Entwicklungen. Ausgewählte Kunden erhalten zu einem frühen Zeitpunkt Testmuster, die sie in ihren Applikationen testen. Verbesserungsvorschläge der Kunden können so noch in die Entwicklung mit einfließen.
Ein Beispiel ist der Automobilhersteller BMW, der bei der Entwicklung unseres dezentralen IO-Systems PSSuniversal mit ProfiNET-Interface dabei war. Und in jüngster Zeit ist unser neues Schutztürsystem PSENsgate in Zusammenarbeit mit einem namhaften Automobilhersteller zu nennen.
W Gerade der Erfahrungsaustausch (Know-how-Transfer) wird bei Pilz groß geschrieben. Inwieweit betrifft dies den Bereich F&E?
Wir beschäftigen in unserer Produktentwicklung circa 300 Mitarbeiter an drei verschiedenen Standorten – davon zwei in Deutschland und einer in Irland. Der Erfahrungsaustausch spielt dabei eine enorm wichtige Rolle. Schließlich wollen wir uns gegenseitig ergänzen, gemachte Erfahrungen weitergeben, gemachte Fehler nicht wiederholen und einmal entwickeltes wieder verwenden, um schnell und sicher zu den richtigen, qualitativ hochwertigen Produkten zu kommen. Wir arbeiten hier sehr erfolgreich mit Videokonferenzsystemen, mit gemeinsamen Wissensdatenbanken und regelmäßigen gegenseitigen Besuchen, um mit unseren irischen Kollegen an einem Tisch arbeiten zu können.W