von Antonio Vendramini Das Bild der Gruppe Prima Industrie zeigt sich mit der Gründung von zwei unabhängigen Unternehmen in einem neuen Gewand: Prima Power und Prima Electro. Wir haben den Vorsitzenden und CEO der Gruppe Prima Industrie, Ing. Gianfranco Carbonato, persönlich getroffen, um von ihm die Motivationen, die Nebenaspekte und die möglichen Folgen dieses Wendepunkts zu erfahren. Herr Carbonato, welche Motivationen liegen diesem Wechsel, der die Gruppe vollständig umstrukturiert, zugrunde? Nach der Übernahme der Gruppe Finn-Power im Februar 2008 etablierte sich Prima Industrie mit über 1.300 Mitarbeitern weltweit unter den führenden Unternehmen im Bereich der Systeme für die Blechverarbeitung, wie Trumpf, Amada und Bystronic, auf dem vierten Platz. Im Laufe dieser drei Jahre haben wir uns einer intensiven Umstrukturierung der Gruppe gewidmet. Unser Ziel war es, eine integrierte, in Matrixform gegliederte Einheit mit spezialisierten Geschäftsbereichen und einer gemeinsamen Struktur für den Verkauf und den technischen Kundendienst zu bilden. Dies erwies sich als ein nicht einfaches Vorhaben, da es durch die Trennung der Geschäftsbereiche, die im selben Bereich der Blechverarbeitung tätig waren, nicht immer möglich war, die immanenten Verbindungen zwischen den einzelnen Niederlassungen deutlich zu trennen, um eine vollkommene Angleichung zu finden. Ich bin vor allem der Leitungsstruktur der Prima Industrie sehr dankbar, die einen bedeutenden Beitrag für diese schwierige Aufgabe leistete. Zurzeit ist die Struktur der Gruppe in ihrer allgemeinen Form festgelegt. Es war erforderlich, die Industriewelt hierüber in Kenntnis zu setzen. Die einfachste Art, diese Mitteilung weiterzugeben, war unserer Meinung nach, die Präsentation einer organischen Struktur der Gruppe selbst. Und wie gestaltet sich diese neue Struktur? Es gibt zwei Geschäftsbereiche: Prima Power und Prima Electro. Prima Power beschäftigt sich mit Entwicklung, Produktion und Vertrieb für das Schneiden, Schweißen und Bohren von Bauteilen in 2D und 3D sowie der Blechverarbeitung mit Stanzmaschinen, integrierten Stanz- und Winkelscherer-Systemen, integrierten Stanz- und Laserschneidsystemen, Abkantpressen und Automatisierungssystemen, die zuvor mit den Markenzeichen Prima Industrie und Finn-Power vermarktet wurden. Prima Electro umschließt hingegen sämtliche Bauteile, die von der Gruppe hergestellt und vermarktet werden, sowie die Entwicklung, die Realisierung und den Vertrieb der elektronischen Leistungs- und Kontrollelemente und der Hochleistungslaserquellen für die Anwendung im Industriebereich – zur Integration in Produkte der Gruppe, aber auch für andere OEM-Kunden. Warum haben Sie die Gruppe in zwei Geschäftsbereiche und nicht in zwei unabhängige Unternehmen aufgeteilt? In der Tat ist Prima Power ein Geschäftsbereich, während es sich bei Prima Electro um ein Unternehmen handelt, zu deren Vorsitzendem und CEO Domenico Peiretti ernannt wurde, der schon bei der Prima Electronics mit dieser Aufgabe betraut war. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in der zweiten Gruppe Unternehmen eingeschlossen sind, die zuvor der Prima Industrie angehörten, während im ersten Fall Firmen der Gruppe Finn-Power eingegliedert wurden, die aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichem Steuerrecht stammen. Wir hatten die Absicht, dem Markt eine deutliche und einheitliche und nicht verschachtelte Struktur zu bieten. Im Großen und Ganzen können wir demnach sagen, dass sich Prima Power mit Lasersystemen und Maschinen für die Blechverarbeitung befasst und Prima Electro auf elektronische Bauteile und Laserquellen ausgerichtet ist. Dies ist die Unterteilung des Produktionsbereichs, aber wie verhält es sich bei der Holding, die doch bestimmt unverändert bestehen bleibt? Natürlich steht an der Führungspitze weiterhin die Holding Prima Industrie, deren Vorsitzender und CEO ich bin. Dieser Holding unterstehen insgesamt vier Bereiche, die den Betrieb der beiden Geschäftsbereiche regeln: Personal; Verwaltung, Finanzen und Controlling; Informationstechnologie und Business Development. Unter diesem allgemeinen Dach befinden sich die zwei zuvor erwähnten Geschäftsbereiche. Auf welche Weise sind diese Geschäftsbereiche strukturiert? Auf sehr funktionelle Weise. Nehmen wir zum Beispiel die Prima Power: Auf der einen Seite haben wir die vier Industriebereiche, die auf die Produktionslinien spezialisiert sind, das heißt die Werke in Collegno (sofern es Prima Industrie betrifft), in Kauhava (Finnland), in Cologna Veneta (die Finn-Power betreffend) und in Champlin (Minnesota, sofern es die Prima North America betrifft). Jedes dieser Werke stellt auf unabhängige Weise die entsprechenden Systeme für den weltweiten Vertrieb her und ist im Bereich Forschung- und Entwicklung tätig. Mit diesen Werken sind weitere drei Abteilungen verbunden, die sich jeweils dem Marketing, dem Verkauf und dem Kundendienst nach Verkaufsabschluss der zuvor erwähnten vier Produktionsbereiche widmen. Diese Struktur der Gruppe ist jedoch in Matrixform gegliedert und daher kann es vorkommen, dass mehrere Personen zwei verschiedenen Chefs unterstehen, da zum Beispiel ein einziger Personalleiter für die gesamte Gruppe zuständig ist, während das Personal der Werke dem Leiter des jeweiligen Werks untersteht. In allen Organisationen, die – wie es bei unserer Gruppe der Fall ist – über 1.300 Angestellte zählen, gibt es juristische Personen, die für die allgemeine Koordinierung zuständig sind, sowie funktionelle, örtliche und spezifische Organisationen. Um ehrlich zu sein, werden nur sehr wenige Personen zwei verschiedenen Chefs unterstehen: einem rechtlichen und einem funktionellen, die Entscheidungen des letzteren haben dabei im Hinblick auf die allgemeinen Weisungen stets Vorrang. Die Rolle der Finn-Power scheint in dieser neuen Struktur eingeschränkt worden zu sein… Nach der Umstrukturierung der Gruppe, die sowohl die unterschiedlichen Produktionsbereiche als auch die verschiedenen Niederlassungen betraf, verfolgten wir die Absicht, dem Markt ein deutliches Zeichen zu geben: Die Gruppe Prima Industrie ist ein weltweit tätiges Unternehmen, der viertgrößte Hersteller von Maschinen für die Blechverarbeitung mit Sitz in Italien, und auch die Leitung in den verschiedenen genannten Bereichen liegt in erster Linie in italienischer Hand. In jedem dieser Bereiche bedienen wir uns aber der bemerkenswerten Qualität zahlreicher finnischer Mitarbeiter, die wir im Laufe der dreijährigen Zusammenarbeit schätzen gelernt haben. Wie haben Sie diese drei Jahre verlebt? Der Markt hegte große Zweifel daran, dass Sie in nur so kurzer Zeit eine derartige Integration realisieren könnten. Zweifellos erwiesen sich diese drei Jahre als ausgesprochen schwierig. Im Jahr 2008 verzeichnete die Prima Industrie einen Vorsteuergewinn von zehn Prozent des Gesamtumsatzes und war schuldenfrei. Sie verfügte jedoch über ein begrenztes Portefeuille in einem auch sehr eingeschränkten Bereich. Für unsere Entwicklung war eine Ausdehnung unabdinglich. Unsere Versuche gingen in verschiedene Richtungen. Am Ende fanden wir uns der Realität der Finn Power gegenüber, die – gehalten von einem skandinavischen Fonds – zum Verkauf stand. Es handelte sich hierbei um ein Unternehmen, das einen etwas höheren Umsatz als unseren verzeichnete, auf einem komplementären Markt tätig und weltweit stark vertreten war. Überzeugt haben wir uns dieser Herausforderung gestellt. Die italienische Finanzwelt gab uns Recht. Wir konnten nicht voraussehen, dass wir im Laufe weniger Monate von einer weltweiten Krise, die sich über zwei Jahre lang herauszog, betroffen werden würden. Wir haben das Jahr 2009 überwunden, in dem der Verkauf von Lasersystemen weltweit auf 50,7 Prozent gefallen war. Wir haben umstrukturiert und dabei alle möglichen Synergien genutzt und berücksichtigt. Dies führte unumgänglich zu einer Verminderung des Personals, das sich von über 1.700 Mitarbeitern am Tag der Übernahme der finnischen Gruppe im Februar 2008 auf 1.340 Mitarbeiter am Ende des Jahres 2010 reduzierte. Im Laufe des Jahres 2009 sahen wir uns mit einem Umsatzrückgang von 37 Prozent konfrontiert, der im Vergleich zu dem ausschließlich bei den Lasersystemen verzeichneten weitaus geringer war, und im Jahr 2010 erzielten wir eine erneute Steigerung von fast 8 Prozent mit einem EBITDA von 4,1 Prozent. Auch angesichts der Gebietsaufteilung des Umsatzes 2010 konnten wir in Europa nicht die gesetzten Ziele erreichen: In der Tat werden fast 50 Prozent des Umsatzes außerhalb von Europa erwirtschaftet. Haben Sie diesen großen Schritt am Ende bereut? Die Übernahme der Gruppe Finn-Power stellte für Prima Industrie einen wesentlichen Schritt dar, um unser Unternehmen zu erweitern und ihm eine weltweite Sichtbarkeit zu verschaffen. Wenn wir von der nahe bevorstehenden Krise gewusst hätten, wäre es uns möglich gewesen, einen interessanteren Kaufpreis zu verhandeln, doch erfolgte dies erst im Nachhinein mit einer Neubewertung, die unter dem Kaufpreis lag. Es scheint jedoch, dass der Finanzmarkt weiterhin große Zweifel hinsichtlich ihrer Verschuldung hegt. Gemäß den ökonomischen Regeln liegt das Verhältnis zwischen equity – Reinvermögen – und der Verschuldung bei einem gesunden Unternehmen bei Eins. Die aktuellen Werte dieser zwei Vergleichsgrößen für die Gruppe Prima liegen jeweils bei 75 Millionen Euro und 130 Millionen Euro. Aus dem ersten Wert ausgeschlossen sind jedoch 20 Millionen Euro Optionsscheine, die mit der kürzlich erfolgten Kapitalerhöhung verbunden sind. In absehbarer Zeit könnte ein Fondseinstieg in Prima Electro mit einer Kapitalerhöhung von rund 15 oder 20 Millionen Euro möglich sein, um die Entwicklung des Unternehmens zu fördern. Da jeder zusätzliche Euro an Kapital einem Euro weniger Schulden entspricht, liegt das zuvor erwähnte Verhältnis weit über 1. Unser Problem sind demnach nicht die Schulden, sondern der Markt, der in einigen Gebieten wie Italien einen nur mühevollen Aufschwung verzeichnet. Zahlreiche Beobachter sind der Ansicht, dass Prima Industrie in diesen drei Jahren sehr viel Zeit der unternehmensinternen Angleichung und weniger der Entwicklung neuer Modelle und deren Einführung in den Markt gewidmet hat. Wie ist Ihre Meinung dazu? Sicher – wie ich schon sagte – haben wir uns hauptsächlich mit der Umstrukturierung der Gruppe befasst, doch hat dies uns nicht davon abgehalten, die Entwicklung neuer Modelle zu fördern. Dafür spricht, dass wir in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt sechs Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung verwendet haben. Als sich der Umsatz verminderte, wurde dieser Prozentsatz leicht angehoben. Etwa zehn Prozent des Personals der Gruppe sind in diesem Bereich tätig. Vermutlich haben wir die Ergebnisse nicht auf angemessene Weise dargelegt, doch die Maschinen, die wir seit der letzten EMO in Mailand vorgestellt haben, wie die Zaphiro, Rapido fiber und Syncrono fiber, beweisen unseren mühevollen Einsatz. Welche Lösungen werden Sie in absehbarer Zeit auf dem Markt anbieten? Zurzeit widmen wir uns der Entwicklung von Maschinen, für die unserer Meinung nach auf dem Markt bald Nachfrage bestehen wird: Die Schwellenländern fordern Low-Cost-Maschinen. Man bedenke nur, dass unsere Joint Venture in China Shanghai Unity Prima im Jahr 2010 mit 300 Laseranlagen einen Umsatz von 52 Millionen Euro erzielte, was fast einem Drittel der im Laufe des Jahres in China verkauften Maschinen entspricht. Dies bedeutet, dass der durchschnittliche Verkaufspreis einer Anlage bei 180.000 Euro liegt. Die gesättigten Märkte sind hingegen eher auf automatische Systeme ausgerichtet. Unsere Low-Cost-2D-Schneidmaschine Platino X ausgestattet mit unseren Low-Cost-Laserquellen CX 2500 und 3000 ist hauptsächlich für Schwellenländer bestimmt. Die Hochleistungsanlagen, wie die hochwertige Laseranlage 2D Zaphiro und die Stanz- und Winkelscheranlage Shear Genius in vollkommen elektrischer Version, die auf der BlechExpo in Stuttgart vorgestellt wurden, erfüllen zusammen mit unserer reichen Auswahl an Lösungen für die automatische Verarbeitung des Materials die Anforderungen der hohen Produktivität. In Bezug auf die chinesischen Unternehmen: Welche Beziehungen unterhalten Sie zur Han’s Laser, dem chinesischen Hersteller von Lasersystemen, der seit kurzem zu Ihren Aktionären zählt? Am nächsten Verwaltungsrat von Prima Industrie wird auch Herr Yunfeng Gao, CEO von der Han’s Laser, teilnehmen. Mit diesem Einstieg werden sich sicherlich unsere Beziehungen festigen, und wir hoffen, dass sich daraus neue gemeinsame Initiativen entwickeln.