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Mineralölfrei umformen

von Günter Kögel

Bei Raziol schließt sich der Kreis: Das auf Schmiermittel, Applikations- und Filtersysteme spezialisierte Familienunternehmen, das nach dem Krieg mit Schmierstoffen aus Naturprodukten begonnen hatte, kehrt jetzt zu mineralöl-, chlor- und schwefelfreien Produkten zurück und trifft mit seiner komplett auf regenerativen Inhaltsstoffen basierenden Fluid-Reihe den Nerv der Branche. Die Nachfrage übertrifft alle Erwartungen.



Wir sind heute wieder dort angekommen, womit mein Großvater nach dem Krieg angefangen hat: beim Schmieren mit Naturprodukten", erklärte Georg Gisbert Zibulla, Geschäftsführer der Raziol Zibulla & Sohn GmbH, auf der Hausausstellung im März diesen Jahres. Damit schließt sich für die Iserlohner Traditionsfirma, die als einzige nicht nur die Schmiermittel, sondern auch die dazugehörige Applikations- und Filtertechnik im eigenen Haus herstellt, ein großer Bogen – vom nativen Schmierstoff zum Mineralöl und wieder zurück zum mineralölfreien Schmierstoff.

Grund für die Entwicklung der neuen Raziol Fluid Reihe waren einerseits der Wunsch der Kunden nach mineralölfreien Schmiermitteln und andererseits die Erfahrungen mit dem ebenfalls von Raziol entwickelten, ölfreien Trockenschmierstoff Drylub. Georg Gisbert Zibulla: „Diese Drylub-Trockenschmierstoffe haben gewisse Vor-, aber auch Nachteile. Der größte Vorteil ist die extreme Leistungsfähigkeit unter schwierigsten Bedingungen. Viele unserer Kunden konnten mit Drylub Umformungen realisieren, an denen sie zuvor gescheitert waren. Der Nachteil: Das Produkt bleibt genau an der Stelle, an der es aufgetragen wurde."

Das allein wäre nicht weiter schlimm, allerdings trifft auf Drylub der alte Ausdruck „viel hilft viel" nicht zu – ganz im Gegenteil. Wenn zu viel des Trockenschmierstoffes aufgetragen wird, ist dies sogar kontraproduktiv. Genau deshalb kam es aber immer wieder zu Problemen, denn in der Praxis ist die erste Reaktion, wenn irgendetwas bei der Umformung nicht klappt, in der Regel die Erhöhung der Schmiermenge – mit fatalen Folgen. Zibulla: „Für viele Anwender ist dies schwer zu verstehen und zu beherrschen, denn zu viel Drylub führt zu negativen Ergebnissen, und zwar sowohl bei der Umformung selbst wie auch bei der späteren Entfettung der Teile."

Bewusst für eine Flüssigkeit entschieden

Die Raziol-Entwickler haben sich deshalb auf die Suche nach einem Medium gemacht, bei dem diese negativen Eigenschaften des Drylub nicht auftreten. „Wir haben uns dabei für eine Flüssigkeit entschieden", erklärt Georg Gisbert Zibulla, „denn zu viel aufgetragene Flüssigkeit wird beim Aufsetzen des Werkzeugs einfach zur Seite weggedrückt." Probleme durch zu viel Schmiermittel auf den Teilen sind damit Vergangenheit. Anwender, die nach dem Motto „viel hilft viel" arbeiten, haben somit keine technischen Nachteile mehr. „Sie steigern nur noch unseren Umsatz," – so Zibulla mit einem Augenzwinkern.

Wie groß die Toleranz beim Schmiermittelauftrag mit dem neuen Raziol Fluid wird, zeigt folgender Vergleich: Bei Drylub bewegen sich die optimalen Werte für den Schmierstoffauftrag zwischen 0,2 bis 0,4 g/m2, sowohl mehr als auch weniger ist kontraproduktiv. Beim Fluid kann der Anwender auch 5 g/m2 auftragen und schadet sich damit nur an einer einzigen Stelle: an seinem Geldbeutel.

Ein weiterer Vorteil, der Drylub und das neue Fluid verbindet: Bei beiden Schmierstoffen sind die damit umgeformten Bauteile in aller Regel schweißbar und laserschneidbar, ohne dass der Schmierstoff entfernt werden muss.

Teile ohne Entfetten direkt weiterverarbeiten

Torsten Simski, Vertriebsleiter von Raziol, stellt hohe Erwartungen an das Produkt Raziol Fluid. Obwohl es ein relativ neues Produkt ist, gibt es schon erste Erfahrungen: „Wir können heute zwar nicht pauschal sagen, dass sich jedes mit dem Fluid behandelte Bauteil ohne Nachbehandlung schweißen oder laserschneiden lässt, sehen aber großes Potenzial. Dies muss immer im Einzelfall geprüft werden. Wir haben aber bisher bei allen Versuchen und Pilotanwendungen durchgängig überzeugende Ergebnisse erzielt. Wir erreichen mit dem Fluid sehr gute Werte beim Umformen, konnten viele Teile ohne Entfetten direkt weiterverarbeiten und das Fluid lässt sich sehr gut mit wässrig alkalischen Reinigern abwaschen. Die Leistungsfähigkeit von Drylub ist zwar deutlich höher, mit unserem Fluid liegen wir aber im Bereich der üblichen Werte, die heute in der Automobilindustrie mit den Ölen erreicht werden."

Gerade die Entfettung ist nach Überzeugung von Georg Gisbert Zibulla ein großer Kostenblock, dem beim Einkauf von Schmiermitteln zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Zibulla: „Viele Einkäufer sehen nur die Zahlen, die sie für das Schmiermittel und dessen Auftrag aufwenden müssen, aber nicht die Kosten, die entstehen, um das Schmiermittel vor der Weiterverarbeitung wieder vom Bauteil zu entfernen. Bei extremen Umformungen, die über mehrere Schritte erfolgen, und bei diversen Zwischen- beziehungsweise Nachfolgeprozessen, muss der Schmierstoff jedes Mal entfernt und/oder danach wieder aufgetragen werden. Hierbei potenzieren sich die Kosten sogar und ein einfacher Entfettungsprozess ist hier bares Geld wert."

Obwohl das Raziol Fluid erst auf der letzten Hausausstellung der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, liegen schon fundierte Erfahrungen im praktischen Einsatz vor. Georg Gisbert Zibulla: „Wir haben uns mit der Entwicklung des Fluid bewusst viel Zeit gelassen und das Produkt mit verschiedenen Pilotkunden gründlich geprüft. Zudem haben wir schon lange vor der Präsentation sämtliche KTL-Untersuchungen und die vergleichbaren Entfettungstests für die Automobilindustrie durchgeführt. Heißt: Wir haben viele Voraussetzungen geschaffen, um unseren Kunden die Sicherheit zu geben, dass unsere Lösung auch in der Praxis funktioniert."

Im Prinzip ist das Raziol Fluid keine Emulsion, sondern eine wässrige Lösung von modifizierten Polymeren; also nicht vergleichbar mit den herkömmlichen und pflegeintensiven Emulsionen, die neben dem Schmieren vor allem die Aufgabe haben, mit großen Flüssigkeitsmengen die Wärme aus dem Prozess zu bringen.

Torsten Simski: „Unser Fluid ist ein Verlustschmierstoff, dessen Inhaltsstoffe exakt auf die jeweilige Bearbeitung abgestimmt sind und der ähnlich wie ein Ziehöl in relativ geringen Mengen aufgetragen wird. Wir beginnen unsere Entwicklung in der Regel mit einem der vorhandenen Produkte. In den Versuchen stellt sich dann aber meist heraus, dass an der einen oder anderen Stelle mehr Leistung benötigt wird und andere Anpassungen nötig sind. Dann werden zum Beispiel die Polymeranteile erhöht oder andere Parameter verändert. Das Ergebnis ist ein individuelles Produkt, das bestmöglich auf eine bestimmte Aufgabe angepasst ist. Auf diese Weise entstehen dann ganze Produktfamilien, mit der wir eine große Bandbreite von Aufgaben abdecken können – zum Beispiel von einfachen Stanz-Biege-Operationen bis hin zu schwierigen Tiefziehaufgaben."

Deckt alle Anwendungsfälle ab

Der besondere Vorteil der Raziol Fluid Reihe: Mit nur wenigen Produkten dieser mineralölfreien Reihe wird jede Operation, von einfach bis extrem, für jeden Werkstoff und Anwendungsfall abgedeckt. Die mineralölfreien Produkte verfügen über ein sehr hohes Leistungsspektrum und erhöhen somit die Werkzeugstandzeit. Für die Bearbeitung sind sie mit einem leistungsfähigen Korrosionsschutz ausgestattet. Auch die Handhabung ist denkbar einfach. Alle Produkte der Raziol Fluid Reihe sind fertig gemischte Schmierstoffe in verschiedenen Konzentrationen und müssen nicht weiter verdünnt werden.

Obwohl das neue Raziol Fluid Maßstäbe in Sachen Umweltfreundlichkeit setzt, mahnt Georg Gisbert Zibulla gerade in diesem Punkt zur Vorsicht: „Nicht alles, was grün ist, ist auch umweltschonend. Da muss man ganz vorsichtig sein. Für uns als Hersteller ist es entscheidend, genau abzuwägen, was der Kunde wirklich braucht. Wenn er nicht wirtschaftlich fertigen kann, hilft ihm die ganze Umweltverträglichkeit nicht weiter. Er wird seine Produkte nicht verkaufen können. Wir setzen deshalb immer auf einen technisch soliden Kompromiss, wobei wir aber ganz gezielt in Richtung umweltschonender Inhaltsstoffe entwickeln. Hier ist noch ein riesiges Potenzial und wir sind hier weit vorn. Wir können – nicht zuletzt durch unser neues Raziol Fluid – unseren Kunden aus der Blechumformung heute schon Produkte anbieten, die ihre Anforderungen an die Umformung und an die Weiterverarbeitung sehr umweltschonend erfüllen."

Derzeit sieht Raziol mit seinem neuen Fluid nur ein Problem: Bei der Markteinführung ist die Resonanz derart gut, dass die Fertigung in Iserlohn kaum mit den Bestellungen Schritt halten kann. Dies wird sich aber schon sehr bald ändern. Kurz nach Ende der Hausausstellung rückten die Bagger an, denn auf der als Parkplatz genutzten Fläche entsteht in den nächsten Wochen ein Erweiterungsbau, der für ausreichende Kapazitäten sorgen wird.

www.raziol.de



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