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Jetzt schon an 2020 denken

von Bernhard Foitzik

Großveranstaltungen wie der VDI/VDE-Kongress „Automation 2010“ können für das Wohl und Wehe einer Branche entscheidend sein, gelten sie doch als Stimmungsbarometer. Dieter Westerkamp, Geschäftsführer der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik, sieht jedenfalls gelassen in die Zukunft.



Im vergangenen Jahr kam die Studie „Automation 2020“, der VDI/VDE-Kongress in diesem Jahr hieß „Automation 2010“. Muss sich die Branche kurzfristigere Ziele setzen?

Wie Sie wissen, bestimmt das Veranstaltungsjahr den Titel des Kongresses. In der Tat schauen wir durchaus ein bisschen weiter voraus. Wir, also Verband und Unternehmen, brauchen ein längerfristiges Ziel. Wir brauchen einen entsprechenden Überblick, um vernünftige Strategien zu entwickeln. Ziele sind für 2020 formuliert, aber wir wollen diese Ziele in überschaubaren Etappen erreichen.

Einer Branche, die sich im Kongresshaus Baden-Baden trifft, kann es so schlecht nicht gehen. Wie groß ist der Unterschiede zwischen gefühltem und tatsächlichem Zustand der Automatisierungsbranche?

57 Prozent unserer Mitglieder haben uns Anfang des Jahres bescheinigt: Wir sehen eine sehr positive Entwicklung auf uns zukommen. Das Geschäft zieht wieder an. Das bestätigen die aktuellen Wirtschaftszahlen. Wir hatten eine Krise, aber jetzt haben wir wieder eine sehr positive Entwicklung.

Und mit welchen Zahlen können sie den nicht schlechten Zustand belegen?

Also einen Unterschied zwischen tatsächlichem und gefühltem Zustand gibt es nicht mehr. Die Zahlen sind gut, jedenfalls was den Auftragseingang betrifft. Zahlreiche Unternehmen melden zweistellige Wachstumsraten. Die Frage ist ja immer: Wie komme ich aus einer Krise wieder heraus. Da gehört sicher Optimismus dazu. Man muss aber auch technisch und personell gerüstet sein. Das sind die Automatisierer.

Im Thesenpapier „Automation 2020“ ist an vorderster Stelle nach den Herausforderungen der Automation gefragt. Was hat sich daran in der Krise verändert?

In unserem Thesenpapier haben wir uns auf die gesellschaftlichen Herausforderungen abgestützt. Klimawandel, Verknappung der Rohstoffe, wachsende Weltbevölkerung, steigender Lebensstandard – diese Herausforderungen sind geblieben, auch wenn wir jetzt einmal ein Jahr oder etwas mehr mit ungünstigen Faktoren hatten. Deswegen hat sich die Zielsetzung, was wir wollen und was die Automatisierungstechnik als Beitrag leisten kann, nicht verändert.

Die Automation muss in einer globalisierten Welt Aufgaben lösen, die es vorher nicht gab. Wie weit ist der Umkehrschluss zulässig, nach dem erst die Automation die Globalisierung ermöglicht hat?

Das ist eine spannende Frage. Die Globalisierung hat ja ihren Ursprung nicht darin, dass es die Automatisierung gibt. Wir müssen die Automatisierung so einsetzen, dass sie die Menschen nach vorne bringt. Da müssen wir dran bleiben und uns den Herausforderungen stellen.

Ganz ehrlich, die Herausforderungen sind ja nicht neu…

Keineswegs. Aber sie werden dringlicher, auch in der Wahrnehmung unserer Mitglieder. So hatten wir zur Vorbereitung des Thesenpapiers gefragt: Welche technischen und sozioökonomischen Entwicklungen werden der Mess- und Automatisierungstechnik in den nächsten Jahren die größten Impulse geben? Und 52 Prozent antworteten: Energieeffizienz. Dabei ist mir schon bewusst, dass Anlagen nicht gebaut werden, um Energie zu sparen, sondern um damit produzieren zu können. Dass Anlagen energieeffizient laufen, ist jedoch eine Forderung, die es erst seit wenigen Jahren gibt.

Da werden die älteren Ingenieure unter den Verbandsmitgliedern aber heftig widersprechen, denn die haben schon immer nach dem besseren Motor gesucht oder die bessere Pumpe entwickelt.

Gewiss, aber Sie müssen nur laufende Anwendungen betrachten. Da gibt es reihenweise Anlagen, in denen sich sinnvollerweise, ökonomisch und ökologisch vernünftig, geregelte Antriebe einsetzen lassen. Dieses Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Und wenn wir von dem alten Unternehmengrundsatz „Das haben wir immer schon so gemacht“ wegkommen, dann sind wir ein Stück weiter.

Welche überraschenden Erkenntnisse gab es denn bei der Faktensammlung?

Da wir eher grundlegende Themen betrachtet haben, ändert sich da nicht viel von heute auf morgen. Insofern gab es kein Thema, das wir nicht hätten abschätzen können. Nein, Überraschungen blieben aus. Es ist ja immer auch eine Frage, welche Sichtweise der Dinge man hat. Diese Sichtweisen mit Experten zu diskutieren ist schon erhellend, die Probleme aber nicht überraschend.

In der Dokumentation „Automation 2020“ heißt es auch, die Automatisierungstechnik solle persönlicher werden. Was ist darunter zu verstehen?

Darunter verstehen wir einfach den täglichen Umgang, den ein Mensch mit der Technik heute hat. Dazu gehört nicht nur die sichere Funktion, sondern auch die einfache Handhabung und Bedienung. Menschen erwarten von Herstellern, dass die Geräte so funktionieren, wie man es erwartet. Außerdem müssen wir die nötige Akzeptanz schaffen, dass der Nutzer richtig mit diesen Geräten umgeht.

Als einer der neuen Märkte wurde nicht zuletzt in Baden-Baden die Medizintechnik propagiert. Das sieht man auch bei Ihren Kollegen der Roboterfraktion so. Wann wird es eine konzertierte Aktion zur gemeinsamen Marktförderung geben?

Ich erwarte nicht, dass es eine gemeinsame Aktion nach dem Motto „Jetzt machen wir Automation in der Medizin“ geben wird. Das ist ja auch ein zeitabhängiger Prozess. Gerade beim Einsatz von Technik und Automation sozusagen am offenen Herzen, ist es wichtig, Akzeptanz beim Patienten und beim Arzt zu schaffen. Wir haben einen interdisziplinären Fachausschuss, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt.

Das Programm der Tagung war bislang immer prozesslastig. Ab wann ist eine Änderung in Sicht?

Diese Orientierung ist historisch bedingt. Wir hatten schon immer einen guten Kontakt zur Namur, von der ja die Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie vertreten wird. Das leben wir in unserem Kongress weiter. Allerdings wird Ihnen nicht entgangen sein, dass wir auch einige Beiträge etwa zur Robotik und zu Medizintechnik hatten. Daneben gibt es ja auch Themen, die beide Felder der Automation betreffen, beispielsweise der Einsatz drahtloser Kommunikation. Wir werden beide Bereiche ausbauen.

Was war Ihr persönliches Highlight des Kongresses?

Zum einen der engagierte Vortrag von Roland Bent, dem Geschäftsführer Marketing und Entwicklung von Phoenix Contact. Zum anderen gab es einen sehr spannenden Vortrag über automatisierte Medikamentenabgabe bei Operationen. Ein bisschen stolz bin ich auf eine Entwicklung, die wir vor zehn Jahren angestoßen haben. Als wir uns damals in der Fachgemeinschaft um bestimmte Standards gekümmert haben, hat man uns hier und da belächelt. Heute schreit die Welt nach Standards. Diese Entwicklung ermutigt uns, weiter langfristig Themen aufzugreifen.

www.vdi.de



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