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Neuer Ansporn für grüne Ingenieure

Effiziente Maschinen zu konstruieren, war schon immer Aufgabe von Ingenieurinnen und Ingenieuren. „Green Automation“ ist lediglich eine Klammer, die alle Initiativen zusammenführt, sagt Dr. Michael Wenzel, Vorstandsvorsitzender des Fachverbandes.

„Green Automation“, erzählt man sich in der Branche, gehöre derzeit zu Ihren Lieblingsthemen. Wo hört das Schlagwort auf und wo beginnt die technische Argumentation?

Klar beschäftigt mich das Thema und ich vertrete es selbstverständlich in der Öffentlichkeit. „Green Automation“ hat viele Facetten und wir, der Fachverband Robotik + Automation, wollen bewusst nicht auseinander dividieren. Alle Anstrengungen der Branche unter einem Dach zu vereinen, erfordert einen möglichst umfassenden Ansatz. Den haben wir. Wir müssen uns grundsätzlich mit Themen wie Nachhaltigkeit, Produktlebenszyklen und deren Kosten auseinandersetzen.

Wie nahe ist dann „Green Automation“ an der Argumentation für die Betrachtung der Produktlebenszykluskosten?

Mit Überlegungen in dieser Richtung fangen wir ja auch an. Aber ich gebe zu, dass das Thema nicht so prickelnd ist, um nicht zu sagen komplex. Diskussionen über „Life Cycle Costs“ gehen schnell ins technisch-mathematische. Das kommt nicht bei jedem gleich gut an. Aber wir kommen mittel- und langfristig nicht um die Diskussion herum. Und man darf eines nicht vergessen: Wenn ich auf einer Anlage beispielsweise Photovoltaik-Elemente produziere, dann kann ich energie-effiziente Komponenten einsetzen. Selbst wenn ich das nicht tue, dient das erzeugte Produkt einer nachhaltigen Lebensweise, nämlich der Nutzung regenerativer Energien. Das ist in einem Fall mehr, im anderen vielleicht etwas weniger der Fall. Aber immerhin.

„Green Automation“ wurde als Titel der Initiative sicher auch gewählt, weil es besser in die Zeit passt als das Schlagwort „Humanisierung des Arbeitsplatzes“?

Arbeitsplätze einzusparen ist nie populär gewesen – egal aus welchem Grund.

Braucht die Messe „Automatica“ ein solches Schlagwort, um die Automatisierungstechnik wieder einmal ins Rampenlicht zu rücken?

Das kann ich so nicht stehen lassen. Es ist sicher unstrittig, dass die Themen Ökologie, Nachhaltigkeit und Umwelt in aller Munde sind. Aber wir hängen uns da nicht an einen Trend. Ich bin da ein Verfechter der Kundensicht. Man muss einfach sehen, was unsere Kunden hier machen. Zwei große Märkte befassen sich mit dem Thema, die Photovoltaik per se und der Automotive-Bereich. Da steht es unserer Branche gut zu Gesicht, die Themen der Kunden zu verinnerlichen und dem auch Rechnung zu tragen.

Ich könnte nun lästern und behaupten, das sei ein Hinterherhecheln…

Den Ruf haben Sie ja. Aber ich halte dem entgegen, dass beispielsweise in der Photovoltaik viele Dinge erst durch Automatisierung ermöglicht werden. Da sind wir die Enabler. Mir gefällt das Wort nicht, weil es inflationär gebraucht wird. Wir sind die Branche, die als Basis Konzepte und Technik liefert, um Fortschritte in Anwenderbranchen zu ermöglichen.

Kurzfristig würde also die Messe profitieren und langfristig die Branche?

Genau. Denn „Green Automation“ ist kein Messe-Schlagwort, sondern ein Branchen-Schlagwort. Ich könnte diese Idee in eine Broschüre packen oder eine Messe als Plattform nutzen, die Idee zu verbreiten. Wir haben uns für die „Automatica“ entschieden. Da erreichen wir ein großes Publikum und hoffentlich viele neue Besucher.

Ist die Trennung zwischen „grüner“ Technik und energieeffizienten Komponenten scharf genug für die Öffentlichkeit?

Ja und nein. Das ist nun einmal ein komplexer Sachverhalt. die Branche bedient beide Themen. Ich habe aber auch nicht die Erwartung, dass wir schon nach einigen Monaten Laufzeit der Initiative und einer Messe das Thema schon vollends transportiert haben. Das wird uns noch einige Zeit fordern. Die Messe ist da nur der Startblock. Wir betreiben da auch keinen Sprint, sondern eher einen Langstreckenlauf.

Wenn wir schon bei Bildern des Sports sind: Ist die Initiative schon in Bewegung und wird noch beschleunigt?

Wir haben im Verband einen Anfang gemacht. Jetzt liegt es an den Unternehmen, daraus eine Bewegung zu machen. Unsere Branche ist ja von sich aus innovativ. So wie es jetzt zur „Automatica“ eine Reihe von Innovationen geben wird, wird es auch weiterhin Entwicklungen geben. Wir haben bei „Green Automation“ noch nicht alle Facetten abgeklopft. Doch ich bin überzeugt, dass das Thema noch Perspektiven bietet. Die Komplexität des Themas wird man nicht mit einem Aufschlag und einer ersten Medienwelle umfassend darstellen können. So gerne wir mit klaren Definitionen auch arbeiten: In diesem Fall muss man die Freiheiten nutzen, die der umfassende Begriff „Green Automation“ bietet. Da muss nicht jeder auf der gleichen Schiene fahren, sondern kann durchaus seine individuellen Aspekte herausarbeiten.

Nun geht die Initiative vom Verband aus, ist also zunächst einmal eine nationale Initiative. Wie weit ziehen denn Ihre Kollegen aus dem europäischen Ausland mit?

Wir werden das internationale Roboter-Symposium, das parallel zur „Automatica“ stattfindet, dazu nutzen, international für unsere Idee zu werben. Aber wir, der Verband und die Unternehmen der Branche, sind international gut verlinkt. Wie schnell es uns gelingt, die Kreise größer zu ziehen, muss man abwarten. Gute Ideen setzen sich durch.

Stehen denn der Initiative schon entsprechende Ingenieurleistungen gegenüber und was bleibt an technischen Leistungen, wenn man das Label „Green Automation“ entfernt?

Die Entwicklungszyklen in den Unternehmen sind sicher länger als die Anlaufzeit der Initiative. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass die technische Entwicklung beispielsweise von energieeffizienten Produkten nicht erst mit der Einführung des Labels begann. In absehbarer Zeit wird es eine Sammlung an Projekten, Fakten und anderen Dingen aus dem Verband geben, die eine Übersicht zum Thema „Green Automation“ geben wird.

Das macht immerhin deutlich, dass nicht aufgrund irgendwelcher EU-Gelder schnell eine Initiative an den Start gebracht wurde.

Nein, gewiss nicht. Wir müssen uns sehr wohl die Frage gefallen lassen, was würde ohne „Green Automation“ nicht stattfinden. Ich sehe den weit überwiegenden Teil der Entwicklungen auch ohne das Label. Aber mit dieser Dachmarke haben wir eine bessere Ordnungsmöglichkeit. „Green Automation“ ist jetzt nicht die Initialzündung für eine Menge neuer Dinge, von denen man gestern noch nichts gewusst hat. Es geht auch darum, das Thema zu strukturieren. Für die Zielmärkte haben wir ja Lösungen.

Welche Konsequenzen hat das in der Praxis? Wird es zusätzliche technische Angaben in den Datenblättern geben, beispielsweise über die Stromaufnahme von Robotern?

Ich hoffe, dass in Zukunft die TCO-Betrachtung stärker berücksichtigt wird als heute. Es nützt ja nichts, wenn ich Strom spare, aber etwa mehr Schmiermittel verbrauche. Ich halte den TCO-Ansatz für besser, weil da die Dinge ganzheitlich betrachtet und nicht einzelne Kostenmerkmale herausgefischt werden. Der Ansatz ist mühsamer, aber aus meiner Sicht lohnenswert. Jetzt wird die Zielsetzung deutlicher.

Wobei Sie als Anlagenbauer da sicher einen anderen Betrachtungswinkel haben als beispielsweise Komponenten-Hersteller, wie es sie im Verband ja auch gibt?

Das ist sicher so. Es kommt nun darauf an, die richtige Tiefe in der Betrachtung zu finden. Mit einer einfachen Formel wird es nicht getan sein. Da werden wir in Zukunft sehr viel rechnen müssen. Nur dann werden wir vom Preis zum Preis-Leistungsverhältnis kommen. Unabhängig von der Herangehensweise ist das Thema TCO ein spannendes. Vielleicht muss man große Anlagen anders betrachten als kleine Anlagen und Komponenten. Aus Sicht eines Herstellers von Investitionsgütern kommen wir aber an diesem Thema nicht vorbei. Denn wenn wir uns in Zukunft nur über den Preis vergleichen lassen, werden wir ein Problem haben. Zu einer Leistung gehört nicht nur die Technik und man darf nicht nur den Preis sehen. Wenn es uns gelingt, die kompletten Kosten zu bewerten und auf dieser Basis Investitionen zu entscheiden, dann haben wir viel für ein nachhaltiges Wirtschaften getan. Dafür heißt das Dach nun einmal „Green Automation“.

www.vdma.org

www.automatica.de

 



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